Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Weissagungen, Visionen, Prophezeiungen, Orakel
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Goethe, Johann Wolfgang von

Goethe, der mit auguralen Praktiken sehr vertraut war, sah in der Weissagung, die sich aus der Betrachtung der Natur ergibt (»wenn die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt«), die höchste Kunst: »Sie erkennet aus dem Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus dem Toten das Lebendige und den Sinn des Sinnlosen.«
Die Natur als Orakel zu nutzen war Goethe selbstverständlich. Bei einer Lahnwanderung im Jahr 1772 hatte er mit Hilfe eines Messers darüber orakelt, ob er besser die Laufbahn eines bildenden Künstlers einschlagen oder sich ganz der Dichtkunst widmen sollte .
Wenn Goethe als Kind mit seinem Puppentheater spielte, das ihm sein Grossvater geschenkt hatte, zeigte er seinen Zuschauern gern Stücke, in denen Zauberer und Wahrsager vorkamen. Später führte Goethe im Tieffurter Park bei Weimar mit seinem Freund, dem Herzog von Weimar, und den Damen und Herren des Hofes bei Nacht im »Wald- und Wassertheater« Sing-, Orakel- und Schaustücke auf. Künstlich geschaffene Einsiedeleien, Grabmäler, Pyramiden, Kirchen- und Burgruinen, Tempel, Höhlen bildeten die romantische Staffage. Bei der Uraufführung eines Orakelstückes im Jahr 1778 trat Goethe in der Rolle des Königs Andrason als Orakelbefrager auf.
Bereits in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main hatte er seine Mitbürger mit einem Geisterspuk genarrt. Bettina von Arnim erzählt davon. »Einmal zur Herbstlese, wo denn in Frankfurt am Abend in allen Gärten Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen, bemerkte man in den entferntesten Feldern, wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte, viele Irrlichter, die hin und her hüpften, bald aneinander, bald wieder eng zusammen. Endlich fingen sie gar an, figurierte Tänze aufzuführen. Wenn man nun näher drauf los kam, verlosch ein Irrlicht nach dem anderen, manche taten noch grössere Sätze und verschwanden, andere blieben mitten in der Luft und verloschen dann plötzlich, andere setzten sich auf Hecken und Bäume, weg waren sie. Die Leute fanden nichts, gingen wieder zurück, gleich fing der Tanz von vorne an, ein Lichtlein nach dem anderen stellte sich wieder ein und tanzte, um die halbe Stadt herum. Was war's? - Goethe, der mit vielen Kameraden, die sich Lichter auf die Hüte gesteckt hatten, da draussen herumtanzte.«
Als Goethe 1765 zum Studium nach Leipzig fuhr, begegneten ihm auf dem Weg zwischen Hanau und Gelnhausen bei Nacht einmal auch wirkliche Irrlichter: »Ich sah an der rechten Seite des Wegs, in einer Tiefe, eine Art von wundersam erleuchtetem Amphitheater. Es blinkten nämlich in einem trichterförmigen Raume unzählige Lichtchen stufenweise übereinander, und leuchteten so lebhaft, dass das Auge davon geblendet wurde. Was aber den Blick noch mehr verwirrte, war, dass sie nicht etwa stillsassen, sondern hin und wieder hüpften, sowohl von oben nach unten als umgekehrt und nach allen Seiten.«
Als er sich nach einem gesellschaftlichen Skandal, in den er als junger Mann verwickelt war, sehr unglücklich und von seinem Freundeskreis enttäuscht fühlte, zog es ihn eine Zeit lang tagtäglich in die Einsamkeit der Wälder um Frankfurt, um »mein armes verwundetes Herz darin zu verbergen«. Im Zeichnen von Bäumen kamen seine aufgewühlten Gefühle zur Ruhe. Zu Bäumen hatte Goethe zeit seines Lebens ein ganz besonderes Verhältnis. Mit ihrer »stillen, leidlosen Vegetation« gaben sie ihm Erbauung und Trost. Dass ein »ehrwürdiger« Wacholderbaum, der in seinem Weimarer Garten am Stern noch aus alter Zeit stand, 1809 von einem gewaltigen Sturm niedergeworfen wurde, erfüllte ihn mit Wehmut. Diesen »Zeugen glücklicher Tage« liess er vermessen, zeichnen und aus seinem Holz kleine Gebrauchsgegenstände fertigen, die in seinem Haushalt besonders in Ehren gehalten wurden. Nach einer alten Sage sollte darunter ein Schulmann begraben sein. Bei Nacht wollte man gespensterhafte Mädchen, die den Platz rein hielten, gesehen haben. Goethe erzählte Jenny von Pappenheim die folgende Geschichte: »Ich habe eine unsichtbare Bedienung, die den Vorplatz des Gartenhauses immer rein hält. Es war wohl ein Traum, aber ganz wie Wirklichkeit, dass ich einst in meiner oberen Schlafstube, deren Tür nach der Treppe zu auf war, in der ersten Tagesfrühe eine alte Frau sah, die ein junges Mädchen unterstützte. Sie wandte sich zu mir und sagte: >Seit 25 Jahren wohnen wir hier, mit der Bedingung, vor Tagesanbruch fort zu sein, nun ist sie mir ohnmächtig und ich kann nicht gehen.< Als ich genauer hinsah, war sie verschwunden.« Am 28. August 1831, seinem letzten Geburtstag, liess er sich von Weimar nach Martinroda zu einer alten, von ihm verehrten Eiche fahren, die er über 6o Jahre hin besucht hatte, um sich zu verabschieden.
Immer wieder hatte Goethe in seinem Leben Erlebnisse gehabt, die ihn in andere Welten haben schauen lassen oder ihn einen Blick in die Zukunft tun liessen:
Als sich Goethe 1771 von seiner Jugendliebe Friederike Brion in Sesenheim verabschiedet hatte und auf einem Fusspfad nach Drusenheim ritt, überfiel ihn eine sonderbare Ahnung. In »Dichtung und Wahrheit« schreibt er: »Ich sah nämlich nicht mit den Augen des Leibes, sondern des Geistes, mich selbst, denselben Weg, zu Pferde wieder entgegenkommen, und zwar in einem Kleide, wie ich es nie getragen: es war hechtgrau mit etwas Gold. Sobald ich mich aus diesem Traum ausschüttelte, war die Gestalt hinweg. Sonderbar ist es jedoch, dass ich nach acht Jahren in dem Kleide, das mir geträumt hatte und das ich nicht aus Wahl, sondern aus Zufall trug, mich auf demselben Wege fand, um Friederiken noch einmal zu besuchen.«
1783 läutete Goethe seinem Kammerdiener mitten in der Nacht und erklärte ihm, dass in diesem Augenblick ein Erdbeben stattfinden müsse. Nach einigen Wochen kam die Nachricht, dass in derselben Nacht ein Teil von Messina durch ein Erdbeben zerstört worden war.
1827, als Goethe am 8. Oktober im Gasthof »Zum Bären« mit seinem Sekretär Eckermann noch nachts aufsass und Erinnerungen über allerlei merkwürdige Vorfälle austauschte, äusserte sich Goethe dazu folgendermassen: »Wir wandeln alle in Geheimnissen. Wir sind von einer Atmosphäre umgeben, von der wir noch gar nicht wissen, was sich alles in ihr regt und wie es mit unserm Geist in Verbindung steht. So viel ist wohl gewiss, dass in besonderen Zuständen die Fühlfäden unserer Seele über ihre körperlichen Grenzen hinausreichen und ihr ein Vorgefühl, ja auch ein wirklicher Blick in die nächste Zukunft gestattet ist.«
Wenig bekannt ist Goethes sich dramatisch gestaltende Orakelfahrt 1777 zum Brocken, von der er sich ebenso wie beim Orakeln beim Wandern an der Lahn 1772 ein Zeichen der Götter versprach.
Im Dezember 1777 hatte Goethe von Weimar aus einen 500 Kilometer langen und 16 Tage dauernden »wunderlichen« Ritt durch Schlamm und Schnee in den Harz unternommen. Die Reise unternahm er heimlich. Sie war eine Wallfahrt in die Einsamkeit, ein Abenteuer, das man - wie er selbst sagte - bizarr nennen könnte. Am 29. November brach er noch vor dem Morgengrauen in Weimar auf. Briefe, die er an seine Vertraute, Frau von Stein, schrieb, chiffrierte er in Bezug auf die Absendeorte. Einen Bussard, damals von Jägern und Vogelstellern als »Geyer« bezeichnet, den er beim Ritt in den Harz »im düstern und von Norden her sich heranwälzenden Schneegewölk« über sich schweben sah, nahm er - ganz im Sinne der antiken Ausdeutung des Flugs der Auguralvögel - als gutes Vorzeichen für sein Vorhaben. Am I. Dezember besuchte er die Baumannshöhle bei Rübeland und verbrachte am 2. Dezember sinnend den Tag darin. Am 6. Dezember schrieb er, er habe einen Wunsch an den Vollmond: »Wenn ihn die Götter erhöhren, wärs grossen Dank werth.« In einem Fremdenbuch trug er sich am 8. Dezember als Johann Wilhelm Weber, Maler aus Darmstadt, ein und reiste inkognito weiter. Am 9. Dezember entging er um Haaresbreite dem Tod. Auf seinen Begleiter fiel in einem Bergwerk ein Brocken Erde von fünf Zentnern, der Goethe nur um Haaresbreite verfehlte.
Am 10. Dezember war er mit einem Führer durch tiefen Schnee zu dem am Fuss des Brockens gelegenen Torfhaus heraufgestapft. »Wie ich«, schreibt Goethe, »zum Torfhause kam sas der Förster bei seinem Morgenschluck in Hemdsermeln, und diskursive redete ich vom Brocken und er versicherte die Unmöglichkeit hinauf zu gehen. - Die Berge waren im Nebel, man sah nichts, und so sagt er ists auch iezt oben, nicht drey Schritte vorwärts können Sie sehn. Ich war still und bat die Götter das Herz dieses Menschen zu wenden und das Wetter, und war still ... So sagt er zu mir: nun können Sie den Brocken sehn, ich trat ans Fenster und er lag vor mir klar wie mein Gesicht im Spiegel, da ging mir das Herz auf und ich rief: Und ich sollte nicht hinaufkommen! haben Sie keinen Knecht, niemanden - Und er sagte, ich will mit Ihnen gehen!«
Dass Johann Christoph Degen, der seit 13 Jahren als Förster amtierte und der noch nie im Winter den Brocken bestiegen hatte, so plötzlich ein willigte, war für Goethe der Anfang von dem von den Göttern erhofften Wunderzeichen. Am 11. Dezember erreichte Goethe sein Ziel: »Früh nach dem Torfhause in tiefem Schnee. Ein viertel nach zehn aufgebrochen von da auf den Brocken. Schnee eine Elle tief, der aber trug. Ein viertel nach eins droben, heitrer herrlicher Augenblick, die ganze Welt in Wolcken und Nebeln und oben alles heiter.« Die geglückte Besteigung und den unerwarteten Anblick der Sonne nahm Goethe als Zeichen der Götter, dem Wunsch des Herzogs, in Weimar ab sofort verantwortlich in der Regierung als Minister mitzuarbeiten, zuzustimmen.

 

 

 

 

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