|
Schon das Orakel von
Delphi wies darauf hin, wie sorgfältig die Fragen bedacht sein müssen, die
man bei der Weissagungssuche stellt. Zunächst sollten wir uns klar machen,
wer eigentlich antwortet, wenn wir zum Beispiel die Elemente, Tiere oder
Blumen befragen? Die Verschiedenartigkeit der Orakeltechniken darf nicht
darüber hinweg täuschen, dass wir nur die Bandbreite von Möglichkeiten für
unser inneres Bewusstsein erweitern, uns Hinweise zu liefern. Selbst beim
Blumenzupforakel, wo die Anzahl der Blütenblätter in den Bereich des
wirklichen Zufalls gehört, kann unser Bewusstsein unsere Hand lenken, eine
»bestimmte« Blume zu pflücken. Doch wer vermag uns bessere
Entscheidungshilfe zu bieten als unser innerster Wesenskern, der
Zugriffsmöglichkeiten auf alle individuellen wie kollektiven Erfahrungen
samt übermenschlichem Wissen besitzt? So könnte man natürlich gleich diese
Quelle aller Weisheit anzapfen. Die Beschäftigung mit Tarot, Astrologie und
ihrer Symbolik vertieft den Aufbau einer solchen Kommunikation, die dann
auch verstärkt in unsere Träume und Omen einfliessen kann.
Letztlich dienen alle Orakelverfahren dazu, den Kontakt zum inneren
Bewusstsein überhaupt erst einmal aufzubauen. Man mache sich aber nicht
davon abhängig, vor allem nicht bei Ja- oder Nein-Entscheidungen. Eine
gründlich sachliche Auseinandersetzung mit dem Problem kommt der Lösung oft
schon mindestens auf dem halben Weg entgegen. Eine solche Auseinandersetzung
bleibt auch für ein Orakelverfahren unabdingbar. Bei schwerwiegenden oder
emotional geladenen Problemen brauchen wir als wichtigste Voraussetzung
zunächst einen Zeitpunkt, an dem unsere Gefühlswelt halbwegs ausgeglichen
ist. Wir müssen einer Antwort so distanziert wie möglich gegenüberstehen.
Der Selbsttäuschung sind bei allen Verfahren Tür und Tor geöffnet. Wir
sollten uns an einen ruhigen Ort begeben, wo wir weitestgehend ungestört
sind und uns wohl fühlen. Glauben wir, in der richtigen Verfassung zu sein,
beginnen wir mit der Suche nach der geeigneten Frage. Nur die präzise
gestellte Frage lockt eine brauchbare Antwort. Verfehlt die Frage ihr Ziel,
nämlich zum Kern des Problems vorzudringen, bleibt die Antwort vage,
missverständlich und führt uns in die Irre. Die Erkenntnis, dass niemand
»draussen« antwortet, verlangt nach einer Konsequenz.
Bei der beliebten Fragestellung »Werde ich bald eine neue Partnerschaft
eingehen können?« wird sicherlich immer ein »Ja« auftauchen. Der Begriff
»Partnerschaft« lässt sich auf alles Mögliche anwenden. Ausserdem richten
wir unsere Frage an einen Bereich, wo es weder Zeit noch Raum gibt und »man«
deswegen recht grosszügig mit diesen Vorstellungen umgeht. Soll es denn nun
diese Frage sein, muss man/Frau sich vorher klar werden: Warum will ich eine
neue oder überhaupt eine Partnerschaft eingehen? Was wird dann anders und
was wird besser sein? Soll es nur ein Zweckbündnis bleiben, eine
Lebensabschnittsaffäre oder eine Dauerbeziehung? Biete ich selbst alle
Voraussetzungen dafür? Habe ich nur Erwartungen oder will ich auch geben?
Damit sind wir schon beim eigentlichen Problem angelangt. Warum bin ich zur
Zeit allein? Woran mangelt es mir wirklich und was habe ich bisher getan, um
dieses Problem zu lösen? Es ist sinnvoll, Stift und Zettel oder Notizbuch
zur Hand zu haben, um gleich niederzuschreiben, was einem dazu in den Sinn
kommt. Man wird staunen, was man alles in Bewegung setzt, nimmt man sich
genügend Zeit für diese Vorbereitung. Gehen wir zu einem Wahrsager oder zu
seinem modernen Nachfolger, zum Psychologen oder Therapeuten, wird er uns in
ähnlicher Weise geschickt zu unserem wirklichen Problem lenken. Was hindert
mich daran, dass ...? Was soll oder kann ich aus meiner derzeitigen
Situation lernen? Stossen wir auf das eigentliche Problem, finden wir auch
schon Lösungen, zumindest Ansätze dafür. Lösungsorientierte Ansätze
verlangten weitere Überlegungen. Was will ich langfristig? Wie kann ich in
einzelnen Schritten darauf zugehen? Was soll ich heute, jetzt, sofort als
ersten Schritt dafür unternehmen?
Grundsätzlich vermeide man Fragen mit suggestivem Tatbestand und einengende
Fragen wie: Wann werde ich reich, endlich wieder gesund, wieder eine neue
Arbeit finden? Suggestionen führen die mächtige Kraft der Wünsche mit ein,
obwohl das Schicksal vielleicht etwas viel Vernünftigeres plant. Ängste,
Wut, Schmerz oder andere Erregungszustände sind besonders starke
Suggestionen. Die ungeheure Kreativität der Orakelintelligenz darf nie in
ihren Möglichkeiten geknebelt werden.
Ausserdem sollte man ein Orakel nicht überstrapazieren. Wie könnte eine
korrekte Antwort auf eine Frage lauten, die konkrete Einzelheiten aus einer
fernen Zukunft wissen will? Unterliegen wir denn einem festgelegten
Schicksal oder haben wir nicht von jedem Augenblick an alle Möglichkeiten,
neue Wege und Verhaltensweisen einzuschlagen? Wir schaffen das Schicksal,
aber unterliegen ihm nicht. Wir können es jeder Zeit und augenblicklich mit
der Veränderung unserer Verhaltensmuster beeinflussen. Ein Orakel vermag nur
vom Status quo, der sich jedoch jeden Moment ändert, auf die Zukunft zu
schliessen. Über unser Unbewusstes sind wir zwar mit allen anderen Menschen
verbunden. Das lässt mitunter erstaunliches Wissen und Prognostizieren zu.
Doch gerade hier sollten uns die Grenzen der Weissagung bewusst werden.
Unpräzise Fragen wie nach Glück, Liebe, Gesundheit, Zufriedenheit, Wohlstand
oder ängstliche nach dem
Gegenteil, fordern immer eine banale Antwort. Tasten wir uns an die
eigentlichen Wünsche und Hoffnungen heran, begeben wir uns an das irgendwann
ohnehin fällige »Erkenne dich selbst«. Dann hilft uns Apollon.
Hat man nun die Frage gefunden, spreche man sie laut aus oder schreibe sie
nieder. Dann darf das Verfahren starten. Früher fanden Bittende, wenn sie
vom göttlichen Orakel einen Rat, Wink oder eine Botschaft erhalten wollten,
es angemessen, als eigenen Beitrag etwas dafür zu opfern. Wer dazu bereit
ist, schafft schon wichtige Voraussetzungen der Bereitschaft und Reife für
das Neue, Bessere. Unser Opfer muss nicht unbedingt eine materielle Form
haben. Wir können auch eine schlechte Gewohnheit aufgeben oder eine gute
aufnehmen.
Der raffinierte Xenophon, berühmter griechischer Heerführer und Literat (um
430-355 vor Christus ) , befragte das Orakel von Delphi, welchen Göttern er
opfern müsse, um sein geplantes Vorhaben erfolgreich durchzuführen. |