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Erickson, Milton H. Der Meister der Hypnose

Der Arzt und Psychologe Milton H. Erickson gilt wegen seiner hoch entwickelten Kommunikationsfähigkeit und seiner verblüffenden Interventionstechniken als unerreichter Meister auf dem Gebiet der Hypnose. Die Geschichten, die von Schülern und Klienten über ihn erzählt werden, machen ihn bereits zwei Jahrzehnte nach seinem Tod zur Legende.
Schon in den siebziger Jahren hatten die Bewusstseinsforscher Robert Masters und Jean Houston mit ihrem Weltbestseller »Mind Games«, in dem die von Erickson entwickelten Tranceinduktionen zur Durchführung von Phantasiereisen abgewandelt worden waren, auf Erickson aufmerksam gemacht. Auch Ericksons Zusammenarbeit mit dem Dichter Aldous Huxley und der Ethnologin Margaret Mead hatte seine Arbeit bekannt gemacht. Ericksons Schüler verbreiteten seine Techniken nach seinem Tod in der ganzen Welt. Milton-Erickson-Institute gibt es mittlerweile überall, sogar in Sibirien.
Dass er quälende körperliche Beschwerden seiner Klienten bessern oder zum Verschwinden bringen konnte, hatte damit zu tun, dass er durch eine schwere Kinderlähmung in seinem 17. Lebensjahr gezwungen war, seinen eigenen Körper in seinen Reaktionen und Abläufen genau kennen zu lernen. Anfänglich war er in einem Zustand völliger Lähmung. Er konnte noch nicht einmal mehr die Lage seiner Arme oder Beine im Bett lokalisieren, nur noch sprechen und die Augen bewegen.
Als er hörte, wie der Arzt draussen im Flur seiner Mutter bedauernd mitteilte, dass ihr Sohn die nächsten 36 Stunden wohl nicht überleben würde, schwor er, dass der Arzt nicht Recht behalten sollte. Und als er wieder einigermassen hergestellt war und erfuhr, dass seine Beine für immer gelähmt bleiben würden, schaffte er es innerhalb eines Jahres - mit Hilfe von Stöcken - wieder zu gehen. Immer wieder hatte er sich darauf konzentriert, wenigstens ein Flimmern an Bewegung in den Muskeln der Beine zu spüren. Die Kinderlähmung, erklärte er einmal, sei für seine spätere Tätigkeit die beste Lehrerin gewesen, die er je gehabt habe.
Wenn ihn Familienangehörige, Kollegen, Schüler oder Patienten um Rat fragten, antwortete er gern mit einer Anekdote. Patienten, die Erickson beim Geschichtenerzählen zuhörten, merkten plötzlich, dass sie sich schon lange in Trance befanden. Anekdoten dienten Erickson dazu, Empfindungs-, Denk- und Verhaltensweisen anzuregen und wiederzubeleben, sodass die Klienten Möglichkeiten und Fähigkeiten (Ressourcen) in sich entdeckten, die sie sich vorher nicht zugetraut hatten. Erickson setzte Anekdoten sowohl bei der Vorbereitung einer hypnotischen Induktion ein als auch in der Nutzungsphase des hypnotischen Prozesses, zum Beispiel bei dem Versuch durch »Ideen säen«, einen Weg für die Zukunft des Patienten aufzuzeigen.
In die Geschichten streute er Suggestionen ein, in denen es um Wachstum, Reifung und zukünftige Veränderungen ging und die auch posthypnotisch suggerierte Verhaltensweisen einschlossen. Erickson war davon überzeugt, dass Patienten aus ihrem eigenen Vorleben die Fähigkeit mitbringen, ein Problem, das sie beschwert, durch die in ihnen schlummernden Heilkräfte letztlich selbst zu lösen.
Die Kunst, mit Geschichten Fragen, die die Zukunft betreffen, zu beantworten, ist bis heute auch bei indianischen Stammesältesten (elder) in ihrer Kommunikation mit Stammesangehörigen gebräuchlich. Erickson hatte eine indianische Vorfahrin, deren Andenken ihm wichtig war. Er trug - anstelle eines Schlipses - gern eine Lederschnur mit einer indianischen Schmuckarbeit.
Schüler und Klienten regte er an, den höchsten Berg in der Gegend um Phoenix, den 350 Meter hohen Squaw Peak, zu besteigen. Diese Wanderung auf den Berg wurde zu einem Teil seiner Therapie. Der beschwerliche Weg hinauf hatte - wie das Leben - viele Biegungen, viele Steigungen, aber auch Strecken mit Gefälle. Oben angekommen, genoss man eine sehr schöne Aussicht. Auch dass man auf dem Gipfel einen höheren Standpunkt einnahm und einmal anders auf die Welt blickte, gefiel Erickson. Er glaubte, dass Hypnose immer auch beinhaltet, Dinge zu tun und körperlich aktiv zu sein: »Patienten oder Studenten lernen dann besser, erinnern sich besser.« Ein solches Hinausschicken in die Natur, um ein Problem zu bearbeiten, praktizieren auch indianische Heiler.
Meisterhaft gestaltete er Rückführungen in die Vergangenheit (»... und nach einer Weile wird Ihnen so sein, als ob die Seele sich vom Körper trennt und im Raum schwebt und in der Zeit zurückfliegt ... bald haben wir 1960 und bald 1955.... und dann werden Sie wissen, da sind Sie ein kleines Mädchen ...«), in denen er Klienten das Plantschen in einem Wasserbecken oder den Genuss eines Bonbons lustvoll wieder erleben liess. Oder Erickson liess Klienten ein gewünschtes Erlebnis in Trance schon einmal so evident halluzinieren (etwa das Fliegen in einem Flugzeug), dass sie glaubten, sie hätten das wirklich erlebt.
Erickson erreichte mit seinen Interventionen zuweilen lang andauernde Änderungen körperlicher Funktionen. Als seine Enkelin Nicole als Kind einmal zu ihm zu Besuch kam, fiel sie beim Spielen auf einen Stein und verlor einen Zahn. Erickson »verschrieb« ihr sofort für die Behandlung im Krankenhaus eine Schmerzunempfindlichkeit (hypnotische Anästhesie). Als sie sich im Alter von 15 Jahren in einem Krankenhaus auf einen anderen kleinen Eingriff vorbereiten liess, stellte man fest, dass die Schmerzunempfindlichkeit noch immer (und zwar am ganzen Körper) bestand. Beim Zahnarzt brauchte sie keine Spritze, als einmal eine Wurzelresektion vorgenommen werden musste.
Freude gehabt hätte Erickson am weiteren Lebensweg seiner ebenso energetischen wie neugierigen Enkelin, die im Jahr 2 000 die Welt »einfach mal so« umrundete. Als sie in Indien von einem Saddhu hörte, der mit seinem Penis einen schweren Stein anheben konnte, scheute sie keine Mühe, ihn in seinem abgelegenen Tempel aufzusuchen. Ob er denn bitte die besondere Aktivität mal vorführen könne, fragte sie den Einsiedler. Der Saddhu bedauerte, es funktioniere leider nur in der Anwesenheit von Männern.
Menschen, die ihn kannten, schildern Erickson als eine Person, die Bescheidenheit, Weisheit, Güte und Menschlichkeit ausstrahlte, trotz seiner körperlichen Einschränkungen voller Lebensfreude war und einen guten Sinn für Humor besass. Bei Lehrveranstaltungen bewarf er schon mal einen Teilnehmer mit einem Felsbrocken, der sich beim Auftreffen als Imitat aus Schaumstoff entpuppte. »Die Dinge sind nicht immer, was sie scheinen«, war sein Kommentar.
Besucher warteten im Wohnzimmer, wo Ericksons Kinder und ein halbes Dutzend Hunde herumtollten. Kamen sie dann in sein winziges, karg ausgestattetes Büro, in dem sich ausser Tisch und Stühlen nur einige Kakteen und ein ausgestopfter Rochen befanden, den Erickson liebevoll »Graf Dracula« nannte, bekamen sie erst einmal einen Schock. Da Erickson farbenblind war und nur die Farbe Lila sehen konnte, trug er lila Kleider, hatte ein lila Telefon, und auch Bad und Toilette waren in Lila gehalten. Auch diesen »Farbschock« wusste Erickson therapeutisch zu nutzen. Er hatte entdeckt, dass Klienten dann, wenn sie verwirrt oder verunsichert sind, was sich an minimalen Körpersignalen ablesen lässt, besonders offen dafür sind, etwas Neues zu lernen.
Ericksons Schüler Ernest Rossi schrieb ihm die Gabe zu, in Menschen mit seiner »hypnotischen Lyrik« (»... meine Stimme begleitet Sie überall hin, sie verwandelt sich in die Stimme Ihrer Eltern, Ihrer Lehrer, Ihrer Spielgefährten und in die Stimmen des Windes und des Regens ...«) einen besonderen kreativ-spirituellen Sinn für das zu wecken, was mysteriös und faszinierend ist. Schon in der Zeit, als er in Phoenix bei Erickson lernte, fiel Rossi, wenn er sich nachmittags zu einer Siesta auf das Sofa in Ericksons Haus niederlegte, in »die wunderlichsten Zustände«. Er erlebte Visionen von weit entfernten exotischen Städten, begleitet von einem brillanten, klaren Licht und verbunden mit einem numinösen Gefühl zum Leben und seinen unendlichen Möglichkeiten.
Als Erickson im März 198o mit einem Infekt im Hospital lag, hatte Rossi gegen vier Uhr nachts einen Traum. Er hörte einen himmlischen Chor, der zu einer mittelalterlichen Melodie die Worte sang »Dort geht der liebenswerte Mann in die Ewigkeit«. Durch einem Anruf bei der Erickson-Familie einige Stunden später erfuhr er, dass Milton etwa zur Zeit des Traums gestorben war.

 

 

 

 

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