|
Als König Prusias den
Beginn einer Schlacht nicht erlauben wollte, weil die Eingeweide ein
ungünstiges Bild boten, fragte sein grosser Feldherr Hannibal ungläubig:
»Schenkst du einem Stück Kalbfleisch mehr Glauben als einem altgedienten
General?« Eine wichtige Funktion antiker Priester, Magier oder Seher lag in
der Vorhersage der Eingeweide- (Haruspicium) und dabei zumeist Leberschau (Hepatoskopie)
von Opfertieren. Die Leber galt als Sitz der Seele und Zentrum der
Lebenskraft. In ihr hatte man ein verkleinertes Abbild der
Wirkungszusammenhänge im Universum gefunden. Und weil ein vernünftiger Geist
alle Dinge durchdringt und lenkt, müsse es ein gemeinsames Band zwischen
allen Teilen geben, so dass sich selbst im kleinsten Mikrokosmos der
Makrokosmos wider spiegele. Jeder Kulturraum bevorzugte zur Untersuchung
andere Tiere, wobei das einzelne Exemplar innerhalb seiner Gattung meist
durch das Los bestimmt wurde. Der Gott selbst sollte sich das Opfer
aussuchen, durch das er seine Meinung oder Antworten kundtat.
»Wissenschaftliche Autopsie« verlangte die sorgfältige Listenführung aller
beobachteten Omen. Dazu gehörte eine Protokollierung vom Bau jeder Leber. Da
man die Originale nicht aufbewahren konnte, verfertigte man von jeder ein
Tonmodell und hielt die Ereignisse sorgfältig fest, die der Leberschau
folgten oder mit ihr in Zusammenhang gebracht werden konnten. Volkswahrsager
oder Metieranfänger konnten auf solche Tonmodelle mit allgemeinen
Anleitungen zurückgreifen. Darauf hatte man die Punkte markiert, auf deren
Beobachtung es besonders ankam. Bis heute haben Wissenschaftler das
detaillierte und komplizierte Beziehungsgeflecht kaum entschlüsseln können.
Der Senat von Rom berief bei wichtigen Entscheidungen die berühmten
etruskischen Haruspices aus der Toskana nach Rom. Später leistete man sich
selbst ein staatlich besoldetes Gremium, geleitet vom Haruspex Maximus. Der
Haruspex Alexander Severus richtete in Rom einen Lehrstuhl für die
Leberschau ein. Besonders zu Beginn eines Krieges oder vor einer Schlacht
schien die Eingeweideschau unabdinglich. Mitunter führten unterschiedliche
Auslegungen selbst zu Problemen. Da nämlich oft jede Einheit ihren eigenen
Beschauer mit sich führte, konnte es passieren, dass der eine Truppenteil
aufgrund des Orakels mutig in den Kampf zog, während ein anderer Teil
resigniert zum Rückzug blies.
Noch bis ins 5. Jahrhundert hielten sich die Volks-Haruspices ausserhalb
Europas bis heute. Für lange Zeit hatte die Anwendung der Haruspicia selbst
die der Astrologie in den Schatten gestellt. Und wenn sich das enorme
Fachwissen der Etrusker und Babylonier hinsichtlich der Eingeweidebefragung
ebenso überliefert hätte, fänden wir vielleicht heutzutage in den
Wochenendzeitungen auch eine Kolumne über die Lebervorzeichen der nächsten
sieben Tage für private, gesellschaftliche und staatliche Entscheidungen,
für Börsenschwankungen und Politbarometer.
1963 legte Dr. H. von Mayersbach aus Nymwegen in Holland seine Experimente
mit Ratten vor und bewies, dass sich der Glykogen-Gehalt ihrer Leber den
Schwankungen im magnetischen Kraftfeld der Erde anpasste. Veränderungen im
Kraftfeld liessen sich so in der Rattenleber ablesen. Hatte nicht der Römer
Vitruvius als einer der Architekturväter empfohlen, vor jedem Bau und zur
Wahl des geeigneten Standorts zunächst einmal eine frische Tierleber zu
befragen? |