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Das älteste griechische
Orakel befand sich im wasserdurchtrömten Tal von Dodona im Gau an Epirus,
umgeben von einer rauen, unwirtlichen Gebirgslandschaft. Der Menschenvater
Deukalion soll der Sage nach der Gründer gewesen sein.
Der Geschichtsschreiber Herodot erfuhr im ägyptischen Theben, in dem es ein
Orakel aus dem Wehen des Windes aus alter Zeit gibt, eine thebanische
Priesterin habe in Dodona das Orakel begründet und eine zweite das Orakel
des Zeus Ammon in der Oase Siwa. In Dodona wurde ihm die Geschichte anders
erzählt: Zwei schwarze Tauben seien von Theben weggeflogen, die eine habe
das Orakel in Libyen gestiftet, die andere habe sich in Dodona auf eine
Eiche gesetzt und mit menschlicher Stimme die Einrichtung eines Orakels
gefordert.
Eine riesige Eiche mit einer an ihrer Wurzel entsprungenen Quelle stellte
den Mittelpunkt des Orakels dar. Den Willen des Blitze schleudernden
Himmelsgottes Zeus erkundete man aus dem Rauschen der Blätter oder (hier ist
sich die Forschung unsicher) aus den Tönen, die der Wind mit den Schnüren
einer von einem Knaben gehaltenen Peitsche in einem Erzbecken verursachte.
In späterer Zeit wurden Fragen auch schriftlich auf Täfelchen eingereicht
und vermutlich durch ein Los-verfahren beantwortet: »Theris und Onesimus
fragen, ob es gut für sie ist, sich eine Frau zu nehmen?« / »Ist das von
meiner Frau geborene Kind tatsächlich von mir?«
Neben dem Zeus Naios (naios bedeutet Quellfeuchte) wurde auch die Titanin
Dione Naia, als weiblicher Aspekt des Gottes, verehrt. Die Gläubigen
erwarteten von dem Götterpaar nicht nur Aussagen zur Zukunft, sondern auch
Heilung von Krankheiten durch die Quelle, die neben der Eiche aus dem Boden
kam.
Dodona wurde schon bei Homer erwähnt. Achill bezieht sich in einem Gebet auf
Zeus, den Herrn von Dodona. Und von Odysseus wird gesagt, »er sei nach
Dodona gegangen, um dem Rat des Zeus aus dem Gipfel der Eiche zu lauschen.«
Lange Zeit wurde der Kult in der freien Natur ausgeübt. Später wurden ein
Tempel und andere Gebäude errichtet, um die Bilder des Gottespaares und
kostbare Weihegeschenke zu bergen. Obwohl die Tempelanlagen im 3. und im 1.
Jahrhundert vor Christus in Kriegszeiten zerstört wurden, hielt die
Verehrung und Befragung der Orakelstelle bis in christliche Zeiten an.
Im Jahr 392 nach Christus liess Theodosius der Grosse, der das Christentum
zur Staatsreligion erklärt und die heidnischen Kulte verboten hatte, die
heilige Eiche fällen. |