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Als der englische Dichter
Byron 1812 nach Delphi kam, waren von dem Heiligtum nur Ruinen zu sehen, was
ihm - ob des Anblicks von »Delphis ödem Hain« - schwermütige Seufzer
entlockte. Der Schriftsteller empfand die Lage des Heiligtums als eine
Landschaft voller Schrecken.
»Man ist in Delphi den Naturgewalten fürchterlich preisgegeben. Erdrutsche
sind häufig, und seit den ältesten Zeiten fallen immer wieder grosse
Felsblöcke von der Höhe herab und zerstören unten die Häuser. Erdbeben
erschüttern die Mauern, Herbst- und Winterstürme toben hier mit besonderer
Wildheit, der Donner rollt und hallt von den Bergwänden wider«, schrieb er.
In uralter Zeit, so weiss es die Sage, soll in Delphi die grosse Schlange
Python die Orakelstätte der Erdgöttin Gaia bewacht haben, bis Gott Apollon
den Drachen mit Pfeilen bezwang und Delphi zu seinem Wohnsitz deklarierte.
Dort, wo später Apollons Tempel stand, soll, so erzählt Diodor (der um 1100
vor Christus lebte), ein Spalt im Felsen gewesen sein. Die Ausdünstungen aus
diesem Spalt versetzen Menschen in die Lage, die Zukunft zu schauen: »Die,
welche die prophetische Kraft des Orakels um Rat zu fragen wünschten,
wahrsagten in der ersten Zeit einer dem anderen. Schliesslich, als viele von
ihnen unter dem Einfluss der Ausdünstungen in den Spalt gefallen und ohne
Ausnahme verschwunden waren, schien es den Einwohnern der Gegend angebracht,
sich gegen die Gefahren zu schützen, und sie wählten eine Frau als einzige
Prophetin für sie alle. Man baute ein Gerüst, auf das sie stieg und wo sie
in völliger Sicherheit die Eingebung empfangen konnte. Dies Gerüst hatte
drei Stützen und wurde deshalb Dreifuss genannt.«
Nachdem Delphi zur Heimstatt des Apollon geworden war, sprach die Pythia
Orakel nur einmal am Geburtstag des Gottes, Ende Februar.
Später wurden am 7. eines jeden Monats, ausser in den drei Wintermonaten,
Orakelsprüche gegeben. Nach der Tradition zog sich der Gott im Winter in das
Land des mythischen Nordvolks der Hyperboreer »in seinen alten Garten«
zurück. Im Winter übernahm der Ekstasegott Dionysos das Heiligtum. Dort und
auf dem Götterberg Parnass wurde dann ausgelassen gefeiert.
Auf die Rufe der Delphier hin kehrte Apollon in seinem Schwanenwagen aus dem
Land der Hyperboreer in seinen Schrein zurück, wo ihn der Frühling empfing
und »ihm Nachtigallen sangen und Schwalben und Zikaden ihn am frisch
sprudelnden kastalischen Quell willkommen hiessen«.
Seit dem 8. Jahrhundert vor Christus kam der Orakelstätte als eine Art
Informationsbörse eine herausragende politische Bedeutung für die ganze
griechische Welt zu.
Apollon besass in Griechenland noch weitere Orakelschreine. Den Schreinen in
Lykaion und auf der Akropolis von Argon stand eine Priesterin vor. In
Ismenion wurden die Orakelsprüche von Priestern aus den Eingeweiden von
Opfertieren gelesen. In Klaros tranken die Priester Wasser aus einem
geheimen Brunnen und verkündeten das Orakel in Versen und in Telmissos
wurden die Träume der Klienten gedeutet.
Ab dem Jahr 1892 wurden die Ruinen des antiken Delphi von französischen
Archäologen ans Licht gebracht. Vorher musste man aber die Gebäude des
Dorfes Kastri abtragen und das Dorf an anderer Stelle wieder errichten. 1893
wurde der Apollontempel freigelegt. Bereits 184o hatte man die Fundamente
des Tempels gefunden. Überraschenderweise fand man keine Erdspalte, aus der
die die Pythia zu ihren Weissagungen inspirierenden Dämpfe hätten austreten
können.
Ursprünglich war der erste Schrein des Apollon aus Bienenwachs und Federn
gefertigt gewesen, der zweite bestand aus ineinander gewachsenen
Farnstängeln, der dritte aus geflochtenen Lorbeerzweigen und der vierte aus
Bronze mit goldenen Vögeln auf dem Dach. Der fünfte, den man im 6. Jahr vor
Christus aus behauenen Steinen als Tempel baute, wurde infolge von Bränden,
Erdrutschen und Erdbeben immer prachtvoller wieder aufgebaut. Der Tempel
trug Aufschriften von Sprüchen der sieben Weisen wie »Erkenne dich selbst«,
»Nichts zu sehr«, »Bürgschaft – schon ist Unheil da«, »Alles ist Übung«,
»Mass ist das Beste«, »Erkenne den passenden Augenblick« und »Die meisten
sind schlecht«. Im Laufe der Zeit kamen Brunnenanlagen, Altäre, ein Theater
und zahlreiche Weihestätten und Schatzhäuser hinzu.
Als im 3. Jahrhundert nach Christus der Tempel brannte, wurde er nur
flüchtig wiederhergestellt. Die Pythia beklagte sich bei dem Arzt Oreibasius,
der im Auftrag von Kaiser Julian nach Delphi gekommen war: »Sage deinem
Herrn, dass der prunkvolle Tempel zusammengefallen ist, Apollon hat nicht
länger mehr ein Zuhause noch den inspirierenden Lorbeer noch eine Quelle,
die Weissagungen ermöglicht. Ihr Wasser ist versiegt.«
Der christliche Kaiser Theodosius der Grosse schliesslich, ein fanatischer
Heidenverfolger, erklärte am Ende des 4. Jahrhunderts das Orakel von Delphi
für erloschen. Der Tempel des Apollon wurde von den Christen exorzisiert:
Der grosse Altar wurde mit Kreuzen überzogen, um die heidnischen Dämonen zu
bannen, und das Adyton, das Allerheiligste des Tempels, wurde vollständig
zerstört. Der Bezirk um das Heiligtum wurde in ein Geschäftsviertel
umgewandelt, der Tempel dem Verfall preisgegeben.
Eine moderne Interpretation des Orakels von Delphi findet sich in einem
Internettext vom Januar 2004 des Zukunftsforschers Matthias Horx:
»Neben den Zeichendeutern, Zauberern, Zungensprechern, den Nostradamussen
und Astrologen, die unser mediales Universum bevölkern, gab es immer auch
schon säkulare Versuche, etwas über das Kommende zu erfahren. Einer der
bekanntesten ist das Orakel von Delphi, das fälschlicherweise nur für seine
magische Inszenierung (heute würde man dazu >Event-Charakter< sagen) bekannt
wurde.
Aber Delphi war weit mehr als nur die berühmte Pythia, die, auf einem
dreibeinigen Stuhl über einer Felsspalte sitzend, unverständliche Laute
ausstiess. Delphi war eine Art Geheimdienst, ein Think Tank, ein McKinsey
der Antike. Ein wohlhabender Priesterorden sammelte im Tempel des Apollon
mehr als 400 Jahre lang das Wissen der hellenischen Welt und formte daraus
mal politische, mal profane Ratschläge, die von Staatsmännern und Bürgern
immer wieder gerne in Anspruch genommen wurden.« |