Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Däumeln

Die Kirchenväter Augustinus, Hieronymus und Papst Gregor der Grosse wetterten dagegen. Zahlreiche Synoden erliessen vom 5. Jahrhundert an Verbote gegen das sortilegium. Selbst Karl der Grosse reihte es unter die abergläubischen Praktiken ein, die er in seinem Capitulare de Vilis aus dem Jahr 789 bei Strafe untersagte. Es war alles umsonst. Bis heute däumeln viele Menschen und werden es auch morgen tun. Aber wie däumeln sie?
Die Bibel als Heilige Schrift galt seit Beginn als Offenbarungsbuch. Daran änderten auch die Reformatoren nichts. Calvin betont die »göttliche Lehrautorität« der Bibel und Luther unterstrich: »An einem Buchstaben, ja an einem einzigen Titel der Schrift ist mehr und Grösseres gelegen, denn an Himmel und Erde.« Was lag näher, als mit diesem Buch das Göttliche Orakel zu befragen. Man brauchte nur aufs Geratewohl eine Stelle aufzuschlagen und das Auge von einer Stelle anziehen zu lassen. Dann lag alle göttliche Antwort in den Aussagen des betreffenden Kapitels. Da man beim Aufschlagen nun vor allem den Daumen benutzte, äugte man besonders dahin, auf welcher Höhe der Seite der gerade liegen geblieben war und »gepackt« hatte. So sollen es schon die Griechen mit ihrem Homer oder Euripides getan haben, die Römer mit den Sibyllinischen Büchern oder mit den Schriften von Vergil, so tun es Muslime noch heute mit dem Koran oder dem »Mesnewi« des Dschelaladdin Rumi. Greifen oder Händeln gehören mit zu den sensiblen Noten mancher Orakeltechnik .
Für das »christliche« Däumeln gibt es im Wesentlichen zwei Herangehensweisen. Dazu konzentriere man sich auf eine Frage, bitte um Antwort, verharre einige Zeit in meditativer Haltung und versuche alle anderen Gedanken so gut wie nicht zu beachten oder an sich vorbeiziehen zu lassen. Dann darf man langsam an den Daumen lecken und die Heilige Schrift aufschlagen. Die zweite Methode geht in der Praxis gleich vor. Doch sucht man hier keine Frage, sondern bittet Gott oder andere Ansprechpartner um eine Anregung, die als Führung dienen könnte. In vielen Kirchen liegt auch heute noch ein Exemplar der Bibel aus. Durch einen Hinweis aufgefordert oder unaufgefordert soll der Besucher irgendeine Seite aufschlagen und sich eine Belehrung für den Augenblick oder den Tag geben lassen.
Eine Variante war das Buchstechen. Man öffnete die Bibel, einen Lieblingsroman oder Gedichtband und stach mit einer Nadel hinein. Die letzte Seite, die noch den Stich oder zumindest deutlich den Druck aufwies, führte zur Antwort. Der Absatz, das Gedicht oder nur das Wort selbst, ja sogar der Buchstabe, den die Nadel getroffen hatte, gab Aufschluss - manchmal zumindest.
Für solche Weissagungen wurden auch das Gebetbuch oder das Gesangbuch genutzt, mehr Wert besass natürlich das Orakel der Bibel. Selbst Franz von Assisi däumelte dreimal, bevor er den Franziskanerorden gründete. So berichtet jedenfalls die »Legenda secunda« seines Schülers und Biographen Thomas von Celano (etwa 1180-1260).

 

 

 

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