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Im dritten Gesang der »Aeneis«
des Vergil (70 -19 vor Christus ) erteilt der Seher Helenos dem trojanischen
Helden, der mit seinen Gefährten eine neue Heimat sucht, folgenden
Ratschlag: Aeneas solle von Sizilien nordwärts nach Cumae segeln, mit seinen
heiligen Seen, »dem Averner im Kranz der rauschenden Wälder«. Dort wirst die
Prophetin du sehen, die gottbegeistert in tiefer Felsgrotte weissagt und
Namen wie Zeichen einträgt auf Blättern.
Sämtliche von der Jungfrau hier festgehaltenen Sprüche werden gezählt und
geordnet von ihr und bewahrt in der Grotte, unter Verschluss; sie bleiben
dort unbeeinträchtigt liegen.
Wenn allerdings beim Öffnen der Tür ein mässiger Luftzug eindringt und durch
den Spalt die leichten Blattseiten hochreisst, lässt die Prophetin sie ruhig
die Höhle durchflattern, sie sammelt nicht das Verstreute und stellt nicht
die Sprüche aufs Neue zusammen.
Und dann gibt Helenos dem Aeneas noch mit auf den Weg, Geduld aufzubringen.
Es könne dauern mit der Weissagung. Wer aber die Sibylle »nicht selber
befragt, erhält kein Orakel, scheidet verärgert«!
Griechische Kolonisten, vermutlich aus Euböa, siedelten im 8. Jahrhundert
vor Christus an der Westküste Italiens nahe Neapel. Cumae wurde eine ihrer
bedeutendsten Städte. Hier residierte die Sibylle von Cumae, von Vergil und
später von Ovid (43 vor Christus - 18 nach Christus ) ins Rampenlicht der
Öffentlichkeit gezogen. Selbst frühe Christen und Kirchenväter fanden Grund,
an ihre prophetischen Fähigkeiten zu glauben. Denn zumindest manche der
amtierenden Sibyllen weissagten auch ohne spezifische Fragen eigens
herangereister Kundschaft und in geradezu zeit-und raumsprengenden
Dimensionen (Sibyllen).
Lange Zeit hatten Forscher ihre Grotte gesucht, und bis ins z o. Jahrhundert
hinein glaubte man sie vor allem in einer geräumigen Höhle am Averner See
gefunden zu haben. 1932 entdeckte aber der Archäologe Maiuri unterhalb des
Apollontempels von Cumae einen trapezförmigen »Dromos« von 136,5 Meter Länge
und fünf Meter Höhe, der genau den Angaben von Vergil entsprach und keinen
Zweifel mehr aufkommen liess. Dieser Dromos führt zur eigentlichen
Orakelgrotte — ein feucht, dunkler und grünbemooster Ort voller ungeklärter
Fragen. Was allerdings an einer Orakelstätte nicht verwundern darf. Hier
vollzog sich nach Vergil das so eigenartige Verfahren. Die Priesterin schien
aus bereit: vorhandenen Spruchweisheiten zu schöpfen, vielleicht ähnlich wie
beim I Ging. Dem Frager aber wurde die schier unmögliche Arbeit aufgelastet,
das Puzzle der Botschaft selber wieder zusammenzusetzen. Ein makabres Spiel
der Orakelgötter? Eine raffinierte Sicherheitsmassnahme der
Orakelverwaltung, damit die Weisheit des Ortes so immer unanfechtbar blieb?
Oder handelt es sich hier nur um eine Metapher des respektvollen Vergil, wie
manche vermuten, der damit auf die aussergewöhnliche und geheime Kunst der
Sibyllinischen Bücher anspielte, deren Verse mit Hilfe von Akonstrichons
oder Anagrammen verschlüsselt war?
Der Dichter Ovid erzählt in seinen »Metamorphosen«, einst habe Apollon die
Sibylle von Cumae heftig geliebt. Auf ihren Wunsch verlieh der Gott ihr so
viele Lebensjahre, wie die Teilchen in einer Handvoll Staub zählen. Leider
hatte sie aber vergessen, sich eine ebenso lange Jugend zu wünschen. Deshalb
schrumpfe jetzt nach 700 Jahren ihr Leib immer mehr, so dass am Ende der
noch folgenden 300 Jahre als Ergebnis ihrer »Verwandlung« nur noch ihre
Stimme übrig bleibe. Und schliesslich nur noch der allerdings unvergängliche
Mythos, möchte man hinzufügen. |