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Der berühmte Redner
Marcus Tullius Cicero (dt.: Kichererbse) wurde am 3. Januar 106 vor Christus
in der alten Volskerstadt Arpinum im Liristal als Sohn eines römischen
Ritters geboren. Seine Amme hatte eine Erscheinung, die ihr prophezeite, sie
ziehe ein grosses Heil für alle Römer auf. Er studierte in Rom und Athen
Rhetorik, Philosophie und Rechtswissenschaft. Einer seiner Lehrer war der
Augur Quintus Mucius Scaevola. Cicero arbeitete in Rom sehr erfolgreich als
Anwalt und Ankläger, war Quaestor, Aedil, Praetor und ab 63 vor Christus
Konsul. Ihm wurde als erstem Römer der Ehrentitel »Vater des Vaterlandes«
verliehen. Zu anderen Zeiten bewarf man ihn auch schon mal mit Kot und
Steinen. Im Jahr 53 vor Christus wurde er zum Auguren ernannt. In diesem Amt
weissagte er aus dem Flug, aus den Stimmen und dem Fressen der Vögel, aus
der Beobachtung anderer Tiere und aus Himmelserscheinungen. Cicero war ein
Freund des gallischen Druiden Divitiacus, mit dem er sich über die Kunst des
Wahrsagens, aber auch über die Vorhersage zukünftiger Dinge durch
Mutmassungen austauschte. Neben vielen anderen Schriften schrieb er im Jahr
44 vor Christus drei Bücher über das Wesen der Götter (»De Natura Deorum«)
und zwei Bücher über die Weissagung (»De Divinatione«).
In seiner Schrift über die Weissagung bezieht er sich auf ältere Werke von
Chrysipp, Diogenes von Babylon, Antipater und Poseidonios, in denen die
Mantik, die Orakelfindung und die Traumdeutung behandelt wurden. In
Anlehnung an Aristoteles, dessen Schriften er überaus schätzte (»Aristoteles
ist ein Strom fliessenden Goldes«), benutzte Cicero die Form eines Dialogs,
der bei einem fiktiven Spaziergang in den Hallen von Ciceros Landgut in
Tusculum geführt wird. Einer der Redenden, sein Bruder Quintus, hält die
Wahrsagung für möglich und trägt im ersten Buch in einem längeren Vortrag
viele Argumente dazu vor. Cicero antwortet im zweiten Buch ebenso
ausführlich, nimmt aber eine eher skeptische Position ein. Einerseits
anerkannte Cicero die politische Wichtigkeit des Glaubens an Weissagungen,
wie sie von Auguren vorgenommen wurden, andererseits aber wandte er sich
gegen abergläubische Orakelpraktiken und Traumdeutungen und belegt dies mit
Beispielen aus der griechischen und römischen Geschichte. Er kritisiert -
mit der ihm eigenen Beredsamkeit - auch das berühmte Orakel von Delphi, in
dem seiner Meinung nach schon lange keine Orakel mehr in der alten,
authentischen Weise erteilt »Nicht nur in unserer Zeit, sondern schon
länger, so dass jetzt nichts verachteter sein kann: Wenn sie (die
Befürworter der Weissagungen) an diesem Punkt angegriffen werden, so sagen
sie, die Kraft des Ortes, aus dem jene Ausdünstung der Erde hervordrang,
durch die begeistert die Pythia Orakel gab, sei durch die Länge der Zeit
verschwunden. Man sollte glauben, sie sprächen von Wein und Salzfischen, die
durch das Alter verdunsten. Es handelt sich um die Kraft eines Ortes und
nicht bloss um eine natürliche, sondern auch um eine göttliche Kraft. Wohin
ist denn diese verschwunden? Durch das Alter, wirst du sagen. Welches Alter
kann denn wohl eine göttliche Kraft aufzehren? Was ist aber so göttlich wie
ein Hauch aus der Erde, der den Geist so erregt, dass er die Zukunft
vorauszusehen imstande ist, so dass er dieselbe nicht nur lange vorher
erblickt, sondern auch in Rhythmen und Versen verkündigt? Wann aber ist
diese Kraft verschwunden? Etwa seitdem die Menschen angefangen haben,
weniger leichtgläubig zu sein? Demosthenes wenigstens, der vor ungefähr 300
Jahren lebte, sagte schon damals, dass die Pythia philippisiere, das heisst,
sie halte es gleichsam mit Philippos. Damit zielte er aber darauf hin, dass
sie vom Philippos bestochen sei. Hieraus lässt sich abnehmen, dass auch in
anderen Delphischen Orakeln manches nicht aufrichtig gewesen sei.«
Lag Ciceros Abneigung eine Saure-Trauben-Reaktion zugrunde? In seiner Jugend
hatte Cicero in Delphi nämlich angefragt, wie er zu höchstem Ruhm kommen
könne. Die Pythia hatte seinen Eifer kräftig gedämpft und ihm beschieden, er
solle sich einzig an seine Natur halten und sich nicht von der Meinung der
Massen abhängig machen. Später in seinem Leben bekannte er sich selbst dazu,
dass der politische Ehrgeiz etwas Furchtbares sei: »Alle Erwägungen der
Vernunft vermag er aus der Seele wie einen Firnis wegzuspülen.«
Cicero warnte davor, Träumen zu viel Beachtung zu schenken, denn es könne
dem Träumenden viel Falsches erscheinen. »Wir träumen ganze Nächte, und es
ist fast keine einzige, in der wir nicht schliefen, und wundern wir uns,
dass einmal das, was wir geträumt haben, eintrifft? Wenn man zu anderen
Zeiten falschen Erscheinungen nicht vertrauen darf, so sehe ich nicht ein,
was der Schlaf voraus hat, dass bei ihm das Falsche als wahr gelten soll?«
Paradoxerweise brachte Cicero sich ausgerechnet durch die Fehlinterpretation
eines Traums um sein Leben. Ciceros Biograph Plutarch berichtete darüber.
»Es kam ihm (im Traum) vor, als berufe irgendjemand die Söhne der Senatoren
aufs Kapitol, da Jupiter einen von ihnen zum Führer Roms zu machen gewillt
sei. Die Bürger strömten in voller Hast herbei und stellten sich um den
Tempel, die Knaben aber nahmen schweigend ihre Plätze ein, bekleidet mit der
purpurfarbenen Toga. Plötzlich gingen die Pforten des Tempels auf, die
Knaben erhoben sich vom ersten bis zum letzten in der Runde und zogen an dem
Gott vorüber, der jeden Einzelnen musterte und sie zu ihrem Verdruss wieder
entliess. Wie nun aber der junge Cäsar an die Reihe kam und sich Gott
näherte, da soll Jupiter die Rechte erhoben und gesagt haben: »Römer, wenn
dieser euer Führer geworden ist, dann sind eure Bürgerkriege zu Ende. « Das
–so erzählt man – war Ciceros Traum. Das Bild dieses Knaben soll er sich
eingeprägt und deutlich bewahrt haben, ohne ihn zu kennen.«
Am nächsten Tag, auf dem Weg zum Kapitol, sah Cicero einen jungen Mann, den
er für den Jüngling aus seinem Traum hielt. Cicero schmeichelte sich bei
ihm, dem Grossneffen und späteren Adoptivsohn von Julius Caesar, ein, weil
er glaubte, sein Traum bedeute, dass der junge Mann in Rom zu höchster Macht
kommen müsse und er davon profitieren werde. Tatsächlich wurde Octavian als
einer von Julius Caesars Nachfolgern gehandelt und unterstützte Cicero und
den Senat anfänglich im Kampf gegen Marc Anton und besiegte ihn, kehrte dann
aber seine Waffen gegen den Senat und bildete mit Marc Anton und Lepidus das
zweite Triumvirat. Er hinderte Marc Anton jetzt nicht mehr, Cicero zu
verfolgen. Cicero floh und liess sich im Dezember 43 vor Christus per Schiff
nach Cajeta bringen, wo er eine Villa besass. Von einem Heiligtum des
Apollon flog ein Schwarm von Raben krächzend auf Ciceros Boot zu, was alle
an Bord als böses Vorzeichen ansahen. Cicero suchte, als er an Land kam,
sein Landgut auf, legte sich zu Bett und zog die Decke über sein Gesicht.
Die Raben waren ihm gefolgt und setzten sich auf den Fenstersims. Einer flog
zu Cicero und zupfte ihm mit dem Schnabel die Decke vom Gesicht weg. Die
Diener nahmen dies als Zeichen, dass Cicero nicht länger im Haus bleiben
solle, und trugen ihn in der Sänfte wieder zum Meer, wo ihn aber der von
Marc Anton geschickte Mörder fand und erstach. Ciceros Kopf und seine Hände,
mit denen er die Reden gegen Marc Anton geschrieben hatte, wurden vom Körper
abgetrennt und auf der Rednerbühne in Rom angenagelt. |