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Nirgendwo sonst in Europa
haben sich Orakel, die an Quellbrunnen durchgeführt werden, so bewahrt wie
in der Bretagne. Ein steinzeitlicher Urmutterkult hat sich mit dem
keltisch-gallischen Kult um die drei göttlichen Matronen und schliesslich
mit dem Christentum vermischt und ist in heutigen Bräuchen noch gut
erkennbar. Der Kult um die Erdgöttin Ana-Dana, die Mamm goz ar vretonded
(die alte Mutter der Bretonen), findet in der Verehrung der Sainte Anne la
Palud und in der Verehrung der »drei Marien« seinen Niederschlag. Die
Orakelbräuche, die teilweise bis heute praktiziert werden, liessen sich auch
von der katholischen Kirche nicht unterdrücken.
Wollte ein junges Mädchen wissen, ob es im neuen Jahr heiraten werde, musste
es zum Jahresanfang eine Nadel aus seinem Umschlagtuch in die Fontaine von
Barenton werfen und dazu sagen: »Lache, lache, du Quelle von Barenton, ich
gebe dir eine schöne Nadel!« Wenn die Nadel das Wasser zum Blubbern (
Lachen) brachte, war die Hochzeit noch vor Ostern fällig.
Wollte ein Liebhaber wissen, ob seine Geliebte ihm noch treu ist, musste er
die Nadel von ihrem Brusttuch entwenden, die sie dem Herzen am nächsten trug
und auf die Wasseroberfläche des Brunnens in Bodelis (bei Landivisiau)
legen. Schwamm die Nadel auf dem Wasser, waren alle seine Befürchtungen
unbegründet.
Wollte eine Schwangere wissen, welches Geschlecht ihr Kind haben wird, ging
sie zum Brunnen des St. Goulrain (Gonval) und legte ein Jungen- und ein
Mädchenhemd auf das Wasser. Das Hemd, das oben schwamm, bezeichnete das
Geschlecht des Kindes.
Wollte man wissen, ob ein kleines Kind eine Krankheit überlebt, tauchte die
Mutter das Hemd des Kindes in das Becken des Brunnens des St. Ivy (bei
Loguivy-Lannion). Stieg das Hemd auf oder schwammen die Ärmel oben, war dies
ein Zeichen für das Weiterleben des Kindes.
Wollte die Frau eines Fischers wissen, wie es um ihren Mann auf See stand,
warf sie ein Brotstück in den Brunnen von Portzmoguer. Sank es auf den
Grund, hatte der Mann grosse Gefahren zu gewärtigen.
Um zu erfahren, ob eine Ehefrau treu war, legte man auf die Wasseroberfläche
des Brunnens des St. Efflam (Plestin-les-Greves) drei Stück Brot, die den
Heiligen, den Ehemann und die Ehefrau symbolisierten. Näherte sich das Brot
des Heiligen den Brotstücken der Eheleute, war die Ehefrau treu, entfernte
sich das Brot des Heiligen, war die Gattin untreu gewesen.
Brauchte man Regen, so ging man in den Wald von Cranou zum Brunnen des St.
Conval, entnahm dem Becken Wasser und schüttete es auf den Kopf der Statue
des Heiligen.
Wer sein Schicksal wissen wollte, ging in der ersten Mainacht um Mitternacht
zum Brunnen Feunteun-An-Ankou (bei Plou6gat-GuArand) und beugte sich
darüber. Sah man statt seines Gesichts einen Totenkopf, musste man bald
sterben. In den Brunnen von St. Leger (Vieux-Quimerch) legte man aus
denselben Motiven ein Reisig-kreuz. Drehte es sich aufgrund der Wirbel der
Quelle, war der Tod noch weit. Blieb es unbeweglich stehen, stand der Tod
bald bevor. Um zu erfahren, wie sich eine chronische Krankheit entwickelt,
suchte man die Statue des heiligen Diboan (»der von allen Leiden heilt«) in
der Kapelle des St. Min in der Gemeinde Le Saint auf und informierte ihn
über den Fall. Danach schöpfte man den Brunnen des Heiligen ganz aus. Wenn
das frische Wasser, das aus der Erde quoll, beim Sprudeln Lärm machte, so
war dies ein Zeichen, dass sich der Kranke auf des Todes Schwelle befand,
breitete sich aber das Wasser lautlos aus, bestand Hoffnung, dass er
weiterlebte. |