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Jakob Böhme, der »Philosophus
teutonicus«, wie die Nachwelt ihn nannte, wurde 1575 in Alt-Seidenberg bei
Görlitz als Sohn von Bauern geboren. Den zart gebauten Sohn von kleiner
Statur, der für die Arbeit als Bauer nicht tauglich schien, schickten die
Eltern in die Dorfschule, bevor sie ihn zu einem Schuhmacher in die Lehre
gaben. Als er einmal Vieh hütete, sonderte er sich von den anderen Knaben ab
und bestieg einen nahe gelegenen Berg. Bei einer Ansammlung grosser roter
Steine sah er einen Eingang. Im Innern stand eine grosse Bütte mit Geld.
Jakob begann es zu grausen und er ging, ohne von dem Geld etwas zu nehmen,
schnell wieder hinaus. Bei späteren Besuchen auf dem Berg war dieser Eingang
nicht mehr zu finden. Sein Schüler und Biograph Abraham von Franckenberg
(»Bericht von dem Leben und Abscheiden Jacob Böhmes«, Amsterdam 1682) sah
darin eine Vorbedeutung auf seinen »geistreichen Eingang in die verborgene
Schatzkammer der göttlichen und natürlichen Weisheit«.
Während Jakob Schusterlehrling war, kam einmal ein geheimnisvoller Fremder
zu ihm, kaufte Schuhe und rief, nachdem er das Geschäft verlassen hatte, von
der Strasse aus mit lauter Stimme: »Jakob, komme heraus!« Jakob wunderte
sich sehr, woher der Fremde seinen Namen kannte. Als er hinausging, fasste
der Fremde ihn bei der rechten Hand, sah ihm in die Augen und machte ihm die
folgende Prophezeiung: »Jakob, du bist klein, aber du wirst gross und gar
ein anderer Mensch und Mann werden, dass sich die Welt über dich verwundern
wird.«
1599 erwarb Böhme das Görlitzei Bürgerrecht und liess sich in die
Schuhmacherinnung aufnehmen. Im selben Jahr heiratete er und gründete einen
Hausstand. 1600, als sein erster Sohn geboren wurde, widerfuhr ihm, als er
in den »lieblich jovialen Schein« eines Zinngefässes blickte, die grosse
Schau. »Im 25. Jahr seines Lebens wird er vom göttlichen Licht ergriffen und
mit seinem gestirnten Seelengeiste zu dem innersten Grunde oder centro der
geheimen Natur eingeführt«, berichtet Franckenberg. Auch als Böhme das Haus
verliess, um im Grünen die vermeintliche Phantasie abzuschütteln, blieb der
Erleuchtungszustand bestehen. »Vermittels der angebildeten Signaturen konnte
er in das Herz und in die innerste Natur hineinsehen.« Böhme erzählte
niemandem von dem, was ihm widerfahren war, schrieb seine Erfahrungen aber
1612 unter dem Titel »Morgenröte im Aufgang« nieder. Ein Freund Böhmes, dem
er das Manuskript zum Lesen gab, liess es heimlich kopieren und verbreitete
den Inhalt in weiteren Abschriften. Nach einer längeren Periode, in der ihm,
wie er sagt, »das Gnadenlicht entzogen ward«, schrieb er in den Jahren von
1619 bis 1623 Manuskript um Manuskript über seine Gesichte, darunter auch
die Hauptwerke »Von der Geburt und Bezeichnung aller Wesen« und den
9oo-seitigen Genesis-Kommentar »Mysterium Magnum«.
Die Quelle all seiner Schauungen lag, wie er einmal sagte, in ihm: »Ich
trage in meinem Gewissen nicht erst Buchstaben zusammen aus vielen Büchern,
sondern ich habe den Buchstaben in mir. Liegt doch Himmel und Erde, dazu
Gott selber, im Menschen; soll er denn in dem Buche nicht dürfen lesen, das
er selber ist? Wenn ich gleich kein ander Buch hätte als nur mein Buch, das
ich selber bin, so hab' ich Bücher genug.«
In seinen »Theosophischen Sendschriften« gab er auch Aufschlüsse über die
Bereitung des Steins der Weisen. Doch warnte er: »Aber das Silber und Gold
in der toten Begreiflichkeit ist nur ein finsterer Stein gegen die Wurzel
der himmlischen Gebärung.« Eine Wiedergeburt, eine Neugeburt erreiche der
Mensch nur, indem er Christusweisheit erlange, nicht durch die Anwendung
irgendeiner Kunst, sagt Böhme. Dazu brauche es des rechten wahren Glaubens:
»Die lebendige wirkliche Kraft Gottes, die feuerflammende Liebe Gottes,
welche herausbricht und das Werk tut.«
Er warnte seine Zeitgenossen dringlich vor einem bevorstehenden grossen
Krieg und sagte richtig Aufruhr, Empörung und Sterbensnot voraus.
Am 17. November 1624, an seinem Todestag, rief er nach Mitternacht seinen
Sohn Tobias zu sich und fragte, wie viel Uhr es sei. Als man ihm sagte, es
sei zwei Uhr, sagte er: »Das ist noch nicht meine Zeit, nach drei Stunden
ist meine Zeit.« Tatsächlich starb er nach drei Stunden. Vorher hatte er
seiner Frau richtig vorhergesagt, dass sie nicht mehr lange leben werde. |