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Der Lebensbaum, in allen
Kulturen Symbol der Weltenachse, reicht mit seinen Wurzeln tief in das Reich
der Erde, während seine Äste sich hoch zum Himmel recken. Er war Ausdruck
der göttlichen Ordnung, der Geheimnisse des vegetativen, geistigen und
seelischen Zyklus. Einige seiner irdischen Vertreter schienen besonders
prädestiniert, den Keim des Zukünftigen preisgeben zu wollen. Die
germanische Weltenesche Yggdrasil spielte den Mittler zwischen Himmel und
Erde, Gott und Mensch. Das Alte Testament erwähnt die Palme von Beth-El. Von
der liess sich die Prophetin Deborah inspirieren. David, der den Herrn
fragte, wann er die Philister angreifen solle, bekam als Antwort ein Seufzen
aus den Kronen der Maulbeerbäume.
So gut wie keines der alten Orakelzentren kam ohne seinen heiligen Baum aus.
In Dodona, wo nach vorhellenischer Legende das Menschengeschlecht entstand,
wuchs die berühmte »sprechende Eiche«. Entweder säuselte der Wind in den
raschelnden Blättern oder er verfing sich in den zusätzlich aufgehangenen
Klanginstrumenten. Delphi am Parnass verherrlichte seinen heiligen
Lorbeerbaum. Delos wurde mit der Palme und dem Mond in Zusammenhang
gebracht. Das Orakelzentrum in Thenae nahe Knossos, wo auch der Omphalos
Kretas stand, verehrte eine heilige Weide. An der Südküste Zyperns, an dem
symbolischen Geburtsort der Göttin Aphrodite, stand das ehemalige Orakel mit
einer heiligen Zypresse in Zusammenhang. Athenes Geburtsort am Tritonsee (an
der Grenze zwischen Libyen und Tunesien) verehrte eine Orakelzeder.
Das berühmte Apurimac-Orakel in Peru bestand aus einem mit Frauenkleidern
behängten Baumstamm, der in einem öffentlichen Gebäude stand. Im Jahr 534
hörte ein spanischer Gefangener, der bei einer Befragung durch Manco Inka
zugegen war, den Baumstamm mit weiblicher Stimme antworten.
In Mitteleuropa wurden dürre Bäume, die plötzlich wieder zu grünen begannen,
gern mit den Weltendsagen verbunden, so der Birnbaum von Werl in Westfalen
und der im Walserfeld bei Salzburg. Ungewöhnliche Blütezeiten und plötzlich
im Wald umkrachende Bäume deuteten auf mittelschwere Unglücke.
Wer das Baumorakel sucht, bedarf einiger Sensibilität, um Antworten zu
finden. Der Baum kann mit einem herabgeworfenen Blatt oder Ast reagieren und
damit signalisieren, zunächst müsse etwas Verbrauchtes losgelassen oder
Platz für Neues geschaffen werden. Er kann den Blick auf eine bestimmte
Bewegung in seinen Zweigen lenken oder im Rascheln raunen. Man braucht hier
schon eine besondere Intuition. Da der Lebensbaum zu den Grundsymbolen und
Archetypen des Menschen gehört, sollten es ohnehin grundsätzliche Fragen
sein, die man hier stellt. Partnerfragen zählen durchaus dazu. In der
Andreasnacht schüttelten junge Frauen Obstbäume zum Liebesorakel. Aus
welcher Richtung dann ein Hund bellte, aus der sollte ein ernst zu nehmender
Freier kommen. |