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Eines Tages soll auf dem
Forum von Rom ein Specht aufgetaucht sein und sich dem Praetor Aelius Tubero,
der gerade zu Gericht sass, auf die Hand gesetzt haben. Er liess sich sogar
von ihm anfassen. Die Zutraulichkeit des Vogels alarmierte die Auguren,
handelte es sich doch um den Vogel des Kriegsgottes Mars. Sie prophezeiten,
Rom werde von Katastrophen heimgesucht, liesse man ihn frei. Töte man ihn
aber, müsse der Praetor ob dieses Sakrilegs sterben. In dieser
aussichtslosen Lage drehte Aelius Tubero, ein ausgesprochener Patriot, dem
Tier kurzerhand den Hals um. Der Praetor soll darauf ein gewaltsames Ende
gefunden haben, was einige Kolporteure dieser Geschichte aber bezweifelten
und als reines Augurenmarketing qualifizierten.
Als Hüter und Deuter der himmlischen Zeichen, der Entscheidung über Art der
Götterbefragung, Opfer oder anderer Wiedergutmachungen bei göttlicher
Verstimmung standen die römischen Auguren in höchsten Ehren. Im römischen
Staat fiel keine wichtige Entscheidung, ohne vorher ein Orakel zu befragen.
Viele undeutliche und widersprüchliche Zeichen traten dabei auf, und oft gab
es ungebetene oder aber überhaupt keines! Hier bedurfte es einer soliden
Fachkompetenz. Der Einfluss der Auguren war also beträchtlich, zumal sie ihr
Amt auf Lebenszeit bekleideten. Lange wählten besondere Gremien oder später
der Senat von Rom die Mitglieder des ursprünglich drei- und schliesslich
15-köpfigen Augurenkollegiums aus den höchsten Würdenträgern des Staates,
später konnten auch Plebejer dazu aufsteigen. Das Kollegium genoss hohe
Privilegien: Niessbrauch staatlichen Grundbesitzes, Dienstleistung
öffentlicher Sklaven, eine purpur-scharlachrot gestreifte Ehrentoga für
feierliche Auftritte samt fester Plätze auf der Ehrentribüne des Circus
Maximus. Wichtigste Ausstattung aber war der lituus, der knotenlose
Augurenkrummstab, mit dem sie unter anderem den Himmel in vier Bereiche
einteilten, wenn sie ihrer Aufgabe nachgingen.
Auguren oblag die Aufsicht über jede offizielle Vorzeichensuche und der dazu
vorgesehenen Bezirke (templa) sowie die rechtliche Überwachung aller mit
diesen Vorgängen betreuten Beamten. Dazu gibt es unterschiedliche
Überlieferungen. Setzen die einen den Augur selbst in die Mitte des templum,
um die Zeichen zu suchen, betonen andere, dass dies in strenger
Arbeitsteilung nur der ausgewählte Auspex durfte. Auguren hatten nur zu
kommentieren, und das mit verbundenen Augen. Ihr ungeheures Fachwissen
verbreitete Achtung und ehrfürchtige Scheu. Die so genannte disciplina
auguralis, ein Kompendium aus Protokollen und Gutachten, umfasste eine kaum
überschaubare Fülle von differenziertesten Vorzeichendeutungen, die ein
Augur - ähnlich einem Juristen - weitestgehend auswendig kennen musste,
wurde er in strittigen Fragen als Sachverständiger hinzugezogen. Neben
Anzahl, Richtung, Flug und Geschrei von Vögeln konnten auch die heiligen
Hühner oder das Auftreten vierfüssiger Tiere wie beispielsweise Hunde,
Füchse, Wölfe den himmlischen Willen äussern. Daneben spielten vor allem
Blitz und Donner eine grosse Rolle nebst anderen Wettererscheinungen.
Letztlich besass jedes halbwegs ungewöhnliche Ereignis Aussagewert.
Zur Zeitenwende aber liess das Interesse an der Suche nach dem göttlichen
Willen bei gebildeten Bürgern, zu denen sie ja vor allem zählten, stark
nach. Die Götter selbst ernteten von manchen Frühaufklärern nur noch Spott
und Hohn. Ein geflügeltes Wort machte die Runde: »Ein Augur lächelt, wenn er
einen Auguren sieht.« Setzen heute Politiker ihr »Augurenlächeln« auf, haben
sie dem gutgläubigen Volk wieder einmal einen Bären aufgebunden. Der Augur
Marcellus reiste nur mit geschlossenen Vorhängen in seiner Sänfte, um erst
gar keine Zeichen mehr zu sehen. |