Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Artemidor von Daldis

Lexikonartige Traumbücher gab es, auf Tontafeln niedergeschrieben, schon in der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal. Darin finden sich bereits Richtlinien, wie Träume zu deuten sind. Das älteste Traumbuch, in einem Papyrus enthalten, stammt aus der Zeit der 12. ägyptischen Dynastie (etwa 1991-1782 v.Chr.). Das erste, ganz erhaltene Traumbuch, das aus der Antike zu uns gekommen ist, ist das fünfbändige Traumbuch des Artemidor. Es wurde bis in die Neuzeit noch eifrig benutzt.
Artemidor lebte zwischen 96 und 180 n.Chr. Geboren wurde er in Ephesus in Kleinasien. Nach dem Heimatort seiner Mutter in Lydien nannte er sich als Schriftsteller Artemidor von Daldis. Apollon selbst habe ihn in Traumvisionen aufgefordert, die »Oneiro-Kritika« zu verfassen, gibt er an.
Artemidor verarbeitete in seiner Schrift nicht nur die gesamte in seiner Zeit vorhandene Fachliteratur, er berief sich weitgehend auch auf empirisches Material, das er auf Reisen, in Gesprächen mit Traumdeutern gesammelt und bei seiner eigenen Tätigkeit als Traumdeuter erfahren hatte. Er unterschied zwischen bedeutsamen, zukunftsweisenden Träumen und solchen, die keinen prophetischen Wert haben. Zu den bedeutsamen Träumen zählte er auch den Visionstraum und den Orakeltraum.
Bei den bedeutsamen Traumgesichten unterschied er theorematische Träume mit alltäglichen Inhalten (man wird im Traum beispielsweise von einem Hund gebissen) und Träume mit allegorischen Inhalten (eine Frau träumt zum Beispiel, sie gebäre einen Adler). Während die ersteren recht bald in Erfüllung gehen, erfüllen sich die letzteren meist erst nach längerer Zeit, weiss Artemidor.
Die Bedeutungen, die Artemidor von Träumen und ihren Ausgängen in seinen Büchern ausbreitet, beziehen sich unter anderem auf Familienmitglieder, Körperteile, Sprache, Krankheiten, Tod, Esswaren, Ausscheidungen, Beischlaf, Ehebruch, Inzest, Verbrecher, Grussformen, Tätigkeiten, Berufe, Pflanzen, Früchte, Tiere, Gegenstände, Geräte, Fahrzeuge, Räumlichkeiten, Metalle, Bauwerke, Naturerscheinungen, Götter und Geister.
Das Interesse Artemidors galt vor allem den allegorischen Traumgesichten. Die Allegorie, die Symbolverkleidung, die Verschlüsselung aufzulösen, um einen Blick in die Zukunft tun zu können, darin sah er seine Tätigkeit als Traumdeuter, damit verdiente er seinen Lebensunterhalt. Bei der Deutung, die - wie er sagt - ohne Begabung, Einfühlung und Allgemeinwissen nicht durchzuführen ist, berücksichtigt er Lebensumstände, örtliche Gegebenheiten des Träumenden und den Symbolgehalt des Traumgeschehens (»wild strömende Flüsse bedeuten rücksichtslose Richter, unangenehme Herren oder die Volksmenge, weil sie ungestüm und mächtig tosen«). Seinem Sohn erläuterte er im vierten Buch die diffizile Kunst des Deutens am Beispiel de: Traumsymbols des Drachens, das je nach dem Hintergrund der Person die von ihm träumt, einer individuellen Deutung bedarf.
»Als Übungsbeispiel für das Herausfinden von Analogien dürfte dir folgendes Traumgesicht genügen: Eine Frau, die schwanger ging träumte, sie habe einen Drachen geboren. Der Sohn, den sie gebar wurde ein hervorragender und namhafter Redner; denn der Drache hat wie ein Redner eine zwei schneidige Zunge. Es war das ei ne reiche Frau, und der Reichtum ist der Zehrgroschen der Bildung
Eine andere hatte dasselbe Traumgesicht, und ihr Sohn wurde eir Hierophant; denn heilig ist der Drache, heilig auch der Myste. In diesem Fall war die Träumende die Gattin eines Priesters.
Eine dritte träumte dasselbe Traumgesicht, und ihr Sohn wurde ein hervorragender Weissager der Drache ist nämlich dem ApolIon, dem Ur- und Vorbild aller Weissager, geheiligt. Diese Frau war die Tochter eines Weissagers Eine vierte hatte dasselbe Gesicht und ihr Sohn wurde ein zügelloser und frecher Bursche und verführte viele Frauen in der Stadt; denn der Drache geht krumme Wege Es war aber schon die Mutter eir Ausbund von Geilheit und Hurerei.
Eine fünfte träumte dasselbe Traumgesicht, und ihr Sohn wurde als Strassenräuber ergriffen und geköpft; denn der Drache wird, wenn er eingefangen wird, auf den Kopf geschlagen und endet so. Auch dieses Weib war ganz und gar nicht ohne Fehl.
Der Sohn einer sechsten, die dasselbe Traumerlebnis hatte, wurde ein flüchtiger Sklave; denn der Drache windet sich durch die engsten Spalten und versucht, sich den Blicken der Verfolger zu entziehen. Die Mutter selbst war eine Sklavin.
Einer siebenten träumte dasselbe, und ihr Sohn wurde gelähmt; denn der Drache bedient sich zum Vorwärtskommen seines ganzen Körpers, genauso wie die Gelähmten. Als die Frau dieses Traumgesicht schaute, lag sie an einer Krankheit danieder. Es war zu erwarten, dass das während der Krankheit empfangene und ausgetragene Kind sich nicht normal fortbewegen würde.«
Artemidor hütete sich, einseitige Verknüpfungen vorzunehmen, denn Symbole besitzen Mehrdeutigkeit, Ambivalenz und auch die verschiedensten Formen der Ähnlichkeit, wie er am Beispiel des männlichen Glieds als Traumsymbol verdeutlicht:
»Das männliche Glied gleicht den Eltern, weil es zum Samen in Beziehung steht, den Kindern, weil es deren Ursache ist; der Gattin und der Geliebten, weil es für die Freuden der Liebe geschaffen ist; den Brüdern und allen Blutsverwandten, weil vom Geschlechtsglied das verwandtschaftliche Verhältnis der ganzen Familie abhängt. Sodann bedeutet es Körperstärke und Manneskraft, weil es auch deren Urheber ist; deshalb wird es von einigen >Mannheit< genannt. Ferner bezeichnet es die Rede und die Bildung, weil das Geschlechtsglied, ebenso wie das Wort, das Allerzeugungsfähigste ist. Ich habe einmal in Kyllene ein Kultbild des Hermes gesehen, das aufgrund einer natürlichen Auffassung lediglich als männliches Glied gearbeitet war. Ferner zeigt es Überfluss und Besitz an, weil es sich bald vergrössert, bald wieder zurückgeht und sowohl gewähren als auch ausscheiden kann. Weiterhin bedeutet es geheime Pläne, weil diese auch medea genannt werden ebenso wie das Glied; dann gleicht es Armut, Knechtschaft und Fesseln, weil es >das Notwendige< heisst und das Symbol von Not und Zwang ist. Ferner gleicht es der Würde; denn aidos bedeutet Scham und Würde.«
nun einer kreativen Deutung unterzogen werden. Wollte man durch die Befragung einen Diebstahl aufklären, soll es sich bewährt haben, die Asche eines durch Blitzschlag verbrannten Menschen herzunehmen.

 

 

 

 

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