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Die Kelten nahmen im
Ritual des Grabschlafens Kontakt mit den Geistern auf. Zu diesem Zweck
schlief ein Mann, der für empfänglich gehalten wurde, auf dem Grab eines
Vorfahren. Gab es eine Botschaft zu übermitteln, fuhr der Geist in den
Schlafenden, der die Nachricht aus dem Jenseits herausschrie. Umstehende
interpretierten die Schreie.
Ein Ahnenorakel moderner und moderaterer Art betreibt der Bad Orber
Sozialpsychologe Ulrich Freund in seiner hypnotherapeutischen Arbeit mit
Patienten, die ihren Partner verloren haben:
»Es handelt sich um meine bevorzugte therapeutische Methode der >Erlösung
von Verwünschten<. Bei mir haben schon sehr viele Witwen und Witwer
gesessen, die untröstlich waren, bis irgendwann in ihrem Inneren ihr Mann /
ihre Frau erschien. Es kann keinen anderen als die betrauerte Person geben,
der diese Trauernden befreien kann. Klientinnen sagen oft, dass der
Verstorbene sage, sie solle man als Therapeut zu bewirken, dass das, was er
sagt, auch wirkt. Hier ist der Ahnenkult wirksam, weil der Ahne aus der
Vergangenheit heraus in die Gegenwart hinein die Erlaubnis für die andere
Zukunft gibt. Die Trauer hört auf. Diese Art von therapeutischem Ahnenkult
kann >unheimlich< viel (aus-)lösen und damit erlösen.
Unselbständige Frauen — die oft von ihren Männern unselbständig gemacht
werden, weil sie dann ungefährlich bleiben — fangen plötzlich an, eigene
Wege zu gehen. Mir fällt das Beispiel einer Frau ein, die sich nicht
zutraute, den Vorsitz eines —von ihrem verstorbenen Mann gegründeten —
Vereins zu übernehmen. In der zweiten Sitzung habe ich ihren Mann, der ja in
ihrem Kopf anwesend ist, in den Raum geführt und der sagte ihr, >du
kandidierst jetzt!< Da hat sie den Vorsitz übernommen.«
Freund hat auch für sich ein Ahnenorakel entwickelt: »Wenn ich wissen will,
was die Zukunft bereithält und was ich tun soll, dann gehe ich zum Friedhof
zu unserem Familiengrab. Dort gibt es drei Personen, die ich befrage, und
die geben mir Antwort. Sie geben mir Antwort, weil sie in mir präsent sind.
In ihren andersartigen Sichtweisen, die mir ohne ihre Befragung aus mir
selbst heraus nicht zur Verfügung stünden. Eine andere Sicht aber führt zu
einer anderen Zukunft!«
Um sich auf die inneren Stimmen einzustimmen, legt er sich zu Beginn der
Dämmerung auf das Familiengrab. Sicher ein seltsamer Anblick für einen
zufällig vorbeikommenden Friedhofsbesucher oder Kurgast. |