Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Agnesbrünnl im Wienerwald

Oberhalb von Sievering an einer verträumten Stelle auf dem Hermannskogel rinnt aus einer kurzen Röhre ein dünner Wasserstrahl in ein rechteckig eingefasstes Becken. Noch vor 200 Jahren umlagerten sonntags bis zu 20 000 Pilger dieses »Jungfernbrünnl«.
Niemand weiss, wie und wann es begann. Deswegen brachten Lokalpatrioten die alten Germanen ins Spiel, archaische Opferkulte und runenwerfende »Heilrätinnen«, die hier bereits vor undenklichen Zeiten den Schleier der Zukunft gehoben hätten. Auf jeden Fall war diese Quelle, deren Wasser Augen beschwerden lindern sollte, zusammen mit einer heiligen Buche, in der ein Marienbild hing, gegen Ende des Jahrhunderts Ziel frommer Bauern aus der Umgebung. Dann aber hatte plötzlich jemand überirdische Erscheinungen an diesem verehrten Ort gesehen, und bald andere eben falls. Gerüchte darüber verbreite ten sich in Windeseile, drangen bi nach Böhmen, Mähren und Ungarn Es kam zu wahren Massenaufläufen. Wallfahrtsprozessionen ström ten aus allen Richtungen heran uni Marktbuden wuchsen wie Pilze au dem Boden. »Während die Abergläubischen auf dem nassen Boden knie ten und beteten, winkten feile Dirnen zur Wollust in die Gebüsche«, klagte der zuständige Regierungspräsident. 1817 ordnete Fürst Metternich an, »den Unfug« umgehend abzustellen.
»Und da zeigte das Jungerfernbrünnl zum ersten Mal seine ganz Wunderkraft«, lästert Karl Lukan (1989:14). Obwohl die Behörden da Gnadenbild in die nahe Weidlinge Pfarrkirche brachten, tat dies den Zulauf keinen Abbruch, im Gegen teil. Darauf liess Metternich den heiligen Baum mit den Wurzeln aus reissen und abtransportieren, di Quelle sorgfällig zuschütten. Doch die suchte sich einfach einen anderen Weg und trat alsbald wieder an Tageslicht. Auch der geistige Brunnen sprudelte über. Immer neu Sagen und Geschichten kursierter Nahe der Quelle sollten die beide: Zaubergestalten Karl und Agnes wohnen. Unter dem Brünnlein führ ein »Grünes Tor« sogar in den »Kristallpalast«.
Im Zuge der von Maria Theresia eingeführten Lotterie hiess es denn auch bald, im sanft vom Wind bewegten Wasser der Quelle, die neuerdings Agnesbrünnl hiess, liessen sich die richtigen Lotterienummern sehen. Spielsüchtige schliefen gleich neben der Quelle, was das Traumleben aktivieren sollte. So genannte Lotterieschwestern halfen bei der Entschlüsselung der Träume und übersetzten diese gegebenenfalls in Zahlenwerte. Im nahen Gasthof »Zur Agnes« hatte ein kluger Wirt wasserfleckige Bilder von Karl und Agnes aufgehängt. Sie lieferten auch - zumindest nach einem Vaterunser - Glücksnummern, ebenso ein dort aufgestellter Glücksspielautomat und das Innere eines besonderen Hausbackwerks, wobei man dort stattdessen auf die übliche Marmelade verzichten musste.
Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das Orakel in Vergessenheit, zunächst auch das Glücksspiel. Und heute verlassen sich Spieler lieber auf mutmassliche Gesetze von Zahlenserien als auf die Weisheit aus dem Wasser.

 

 

 

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