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( *22. 2. 1806 Dinant, T
18.6.1865 Brüssel)
Bis auf den heutigen Tag findet man im Brüsseler Vorortviertel Ixelles das
Musée Wiertz, ein gänzlich heruntergekommenes Gebäude, das alle Hauptwerke
des belgischen Romantikers beherbergt. Während aber im 19. Jahrhundert die
unzähligen englischen und amerikanischen Touristen, die ihre „grand tour“
über den Kontinent machten, dem vom Maler selbst entworfenen und ihm vom
Staat geschenkten Museum, das ihm zuerst als Atelier diente, einen Besuch
abstatteten, verirrt sich heute kaum noch ein Kunstbeflissener in die
vernachlässigten Räume, in denen die Riesenleinwände des Mannes, der Rubens
übertreffen wollte, aufgehängt sind. Und das, obgleich die Symbolisten wie
auch die Surrealisten in ihm einen ihrer Vorläufer sahen und er noch vor
Ensor die belgische Tradition des Phantastischen wieder aufgriff. Die
erstaunliche Karriere Wiertz' hatte 1838 nach einer Ausbildung an der
Academie in Antwerpen (1820-1829) und Aufenthalten in Paris und Italien (er
gewann 1832 den Prix de Rome) einen ersten Höhepunkt erreicht mit dem
gewaltigen Bild Die Griechen und Trojaner im Kampf um den Leichnam des
Patroklos, das zwar in Frankreich wenig Begeisterung hervorrief, in Belgien
aber dafür um so mehr. Schon in diesem Bild, das vom Thema her an die
Tradition der klassizistischen Malerei anschliesst, werden die Eigenheiten
des Belgiers deutlich: riesige Formate, die von den brillant gegeneinander
abgesetzten, dynamischen Strukturen dennoch fast gesprengt werden, ein
vitaler, aber nie nachlässig wirkender Strich und eine Vorliebe für grausige
Themen, die in den Augen vieler seiner Kritiker die Grenzen des guten
Geschmacks weit überschritten. Dass er aber daneben auch kleinere Formate
beherrscht, zeigt zum Beispiel sein vielleicht berühmtestes Bild Die schöne
Rosine (1847), das in altmeisterlicher Technik das Vanitas-Thema der
Barockzeit wieder aufgreift. Die Konfrontation des üppigen Frauenkörpcrs mit
dem Skelett, zu dem er dereinst werden wird, enthält genau jenen Reiz des
Morbiden, den die Symbolisten später an Wiertz so schätzen sollten. Bilder
wie Der Selbstmörder oder Lebendig begraben (1854) waren von Wiertz auch
sozialkritisch gemeint, wirken aber auf den heutigen Betrachter gerade wegen
ihres hemmungslosen Verstossens gegen die klassischen Gesetze der Ästhetik.
Wiertz ist ein Grenzüberschreiter, und vermutlich ist es diese Eigenart, die
ihn den Menschen des 20. Jahrhunderts so vertraut macht.
Weitere Hauptwerke Esmeralda, o. J.; Napoleon in der Hölle, o. J.; Hunger,
Wahnsinn, Verbredien, o. J. |