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Als die „Wiener Schule
des Phantastischen Realismus“ bezeichnete Johann Muschik Mitte der 5oer
Jahre zum erstenmal eine Gruppe von in Wien ansässigen Malern, in deren
Werken er eine einheitliche Komponente entdeckte. Kurz nach dem Ende des
Zweiten Weltkrieges fanden sich in der Meisterklasse des phantastischen
Erzählers und Malers Albert Paris Gütersloh (1887-1973) mehrere junge Leute
zusammen, deren Interessen der vorherrschenden Richtung der Abstraktion in
der Malerei eher entgegengesetzt waren. Nicht nur die altmeisterliche
Technik jener Maler, die sie im Kunsthistorischen Museum und in der
Albertina in Wien studieren konnten (Bruegel, Bosch, die Maler des
Manierismus), faszinierte sie, sondern auch die visionäre Sicht auf die
Wirklichkeit, welche sich keineswegs mit einer möglichst getreuen Abbildung
des Gesehenen begnügt, sondern sie im Bild neu oder um eine phantastische
Dimension erweitert vorführt. Okkulte Interessen, das Studium geheimer
Lehren sollten für einige dieser Maler besonders wichtig werden. Nachdem
Fritz Janschka und Kurt Steinwendner, die ursprünglich mit zur Gruppe
gehörten, fortgegangen waren, blieben übrig: Brauer, Fuchs, Hutter, und
Lehmden. Zu ihnen gesellte sich der wesentlich ältere Hausner. Diese fünf
Künstler bilden bis heute den eigentlichen Kern der Wiener Schule, wobei
ihre Einheit durchaus völlig verschiedene Auffassungen im Ästhetischen
zulässt.
In der österreichischen Sektion des internationalen Art-Club, dessen
Präsident ebenfalls Gütersloh war, fand die Gruppe ihr erstes Forum. Schon
Ende der 4oer Jahre traten sie im Rahmen der Ausstellungen des Art-Club an
die Öffentlichkeit. In der Anfangsphase der Entwicklung spielte Edgar Jene
(1904), ein saarländischer Surrealist, der zwischen 1935 und 1950 in Wien
lebte, eine wichtige Rolle. ' Er stellte den Kontakt zwischen den
Surrealisten und den Wienern her, aber schon bald ging die Wiener Gruppe
ihren eigenen Weg, den man, wie es Gustav Rene Hocke getan hat, besser als
eine Art Neo-Manierismus beschreiben könnte. Im Dezember 1959 wurde im
Oberen Belvedere der österreichischen Nationalgalerie die erste grosse
Ausstellung eröffnet. Neben Hutter, Lehmden und Hausncr war hier auch Leherb
vertreten, der aber schon bald die Kontakte zur Wiener Schule wieder
abbrach. Eine Pariser Ausstellung (1962) verbreitete auch im Ausland den Ruf
der Gruppe, die sich dann im Jahre 1965 auf der von Wieland Schmied in der
Kestner-Gesellschaft in Hannover organisierten und später auch in anderen
Städten gezeigten Obersichtsausstellung noch deutlicher durchsetzen konnte:
„Brauer, Fuchs, Hausner, Hutter und Lehmden - Die Wiener Schule des
Phantastischen Realismus“. Im Umkreis dieser fünf Maler entwickelten sich
bei vielen jüngeren Kollegen ähnliche Tendenzen, während durch den Erfolg
der Wiener Gruppe auch gleichaltrige oder auch ältere Maler, die sich bisher
vergeblich um Resonanz bemüht hatten, erfolgreich wurden. Auch diese pflegt
man heute, mit mehr oder weniger Berechtigung, zur Wiener Schule zu zählen.
Eine grosse Übersichtsausstellung in der Galerie an der Dussel (Düsseldorf
1976) zeigte das Werk von 26 Malern unter dem Oberbegriff „Wiener Schule“.
Die wichtigsten älteren Maler dieser „grösseren Wiener Schule“ sind: Ludwig
Schwarzer (geb. 1912), Robert Ederer (geb. 1920) und Anton Krejcar (geb.
1923). Schwarzer studierte 1932-1936 an der Wiener Akademie, stellte aber
erst 1966 zum erstenmal aus. In seinem Werk verbinden sich naive Elemente
mit einer beunruhigend glatten Technik ( Trompe l'oeil), was zu einer
raffinierten „Sonntagsmalerei“ führt, deren Wirkungen aber bis ins kleinste
Detail geplant sind. Für den Architekten Robert Ederer, der 1934-1937 an der
Wiener Kunstgewerbeschule studierte, wurde 1962 die Begegnung mit Fuchs von
entscheidender Bedeutung. 1963 stellte er zum erstenmal aus. Manche seiner
Bilder erinnern an gemalte Collagen und vermitteln in ihren bizarren
Farbtönungen ein beklemmendes Schwindelgefühl. Bei Krejcar schliesslich
(Studium unter anderem 194$ an der Wiener Akademie) fällt ein Interesse an
antiken Stoffen, an mythologischen Themen auf. Zur älteren Generation
gehören fernerhin: Franz Luby (geb. 1902), Kurt Regschek (geb. 1923) und
Helmut Heuberger (geb. 1927).
Bei den meisten der jüngeren Maler ist die Zugehörigkeit zur Wiener Schule
recht fraglich, denn abgesehen von phantastischen Elementen in ihren
Arbeiten lassen sich sonst kaum noch Verbindungen feststellen. Peter Proksch
(geb. 1935) studierte 1955-1962 an der Wiener Akademie und stellte 1962 zum
erstenmal aus. In seinem Werk scheinen, wie bei Fuchs, okkulte Lehren eine
nicht unwichtige Rolle zu spielen, aber auch ohne die Möglichkeit zur
völligen Entschlüsselung seiner oft rätselhaften Bildsymbole zu besitzen,
ist es dem Betrachter möglich, sich von der reinen Malerei faszinieren zu
lassen. Manfred Ebster (geb. 1941) besuchte die Akademie für Angewandte
Kunst in Wien (1960-1964). Seine Unzufriedenheit mit dem Lehrbetrieb
veranlasste ihn dazu, das Studium abzubrechen. Seine ersten wichtigen
Arbeiten, in denen das Prinzip der Verwandlung unaufhörlich neue Tiere und
Pflanzen entstehen lässt, vor Landschaftshintergründen, die an Bruegel und
die Maler der Donauschule erinnern, stellte er nach 1970 aus. Er sagt zu
seinem Werk: „Ich fühle mich dem Surrealismus zugehörig. Mein Bestreben ist
es, Bilder zu malen, die man letztlich nicht erklären kann oder die eine
Deutung erlauben, welche dann aber so banal ist, dass man leicht darauf
verzichtet und sich lieber unbelastet dem Bild zuwendet.“ Josef Bramer (geb.
1948), der von 1969 bis 1975 bei Hausner studierte, verzichtet weitgehend
auf die von den anderen Wienern bevorzugte Symbolsprache. Seine
kleinformatigen Bilder sind eher in Verbindung zu den Malern des Magischen
Realismus zu sehen. Kiesgruben und öde, felsige Landschaften bei Axel
Litschke (geb. 1948) und labyrinthische Höhlen bei Ernst Handl (geb. 1949)
führen neue Variationen phantastischer Landschaften vor. Eine
Aussenseiterposition nimmt Roman Haller (geb. 1920) ein. Er diente an einer
technischen Lehranstalt und war als Graphiker und technischer Zeichner
tätig. Bis malte er rein abstrakt, danach wandte er sich der Phantastischen
Malerei zu; in seinen mathematisch-kühlen, farblich sehr nuancierten
Kompositionen lässt diese „abstrakte Vergangenheit durchaus noch
wiederfinden. Als weitere Vertreter der Wiener Schule gelten: Franz Bayer
1932), Peter Klitsch (geb. 1934) Michael Coudenhove-Kalergi geb. 1937),
Gerhard Wind (geb. 1938), Norbert Steffek (geb. 1938) und Fritz Hechelmann
(geb. 1948). |