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(* 28. 12. 1865 Lausanne,
T 29. 12. 1925 Paris)
Der einer alten Waadtländer Familie entstammende Vallotton machte schon, als
er noch das Gymnasium besuchte, durch sein grosses zeichnerisches Talent auf
sich aufmerksam. Sein Vater erlaubte deshalb dem 17jährigen, nach Paris zu
gehen, um sich dort als Maler ausbilden zu lassen. Er trat in die Academie
Julian ein (1882), seine Lehrer waren Gustave Boulanger und Jules Lefebvre.
Im Frühjahr 1885 stellt er zum erstenmal im „Salon des Artistes Francais“
aus und fängt eine Art Werkverzeichnis, „Livre de raison“, an. Das kann als
typisch für den äusserst gewissenhaft beobachtenden Vallotton angesehen
werden, der von nun an seinen unbestechlichen, ja kalten Blick auch auf sein
eigenes Werk richten wird. Die manchmal beängstigend genaue Betrachtung des
Dargestellten, die alle Hüllen eines schönen, vor allem verschönernden
Scheins durchdringt und die bereits aus dein frühen Selbstbildnis von 1885
spricht, bleibt hervorstechendes Merkmal der Werke des Schwel/er Malers
durch die verschiedenen Stilwandlungen und Techniken hindurch. Da die
finanzielle Hilfe von selten der Familie wegfällt, ist Vallotton gezwungen,
auf verschiedenste Weise seinen Lebensunterhalt zu bestreiten: Er kopiert
alte Meister im Louvre und schreibt ab 1890 für die „Gazette de Lausanne“
Ausstellungsberichte. Seine schriftstellerische Begabung entwickelt sich im
Laufe der nächsten Jahre parallel zu seiner Karriere als Maler.
Freundschaftliche Beziehungen zu Malern wie Edouard Vuillard, Charles Maurin
und zu den Schriftstellern um Stephane Mallarme bringen ihn in Berührung mit
den neuestcn Entwicklungen seiner Zeit. Symbolistische Tendenzen machen sich
in seinem Werk, das er auch auf dem „Salon des Rose-Croix“ ausstellt,
bemerkbar. Vallotton arbeitet jetzt vor allem auch als Graphiker, und seine
Holzschnitte machen ihn bald im Ausland berühmt. Eine Verbindung zu den „Nabis“
wird durch seine Freundschaft mit Vuillard gefördert. Aber auch hier hält
er, „Le Nabi étranger“, auf Distanz. Um die Jahrhundertwende entstehen
mehrere Interieurs a figures, welche die Techniken der Holzschnittserien auf
Tempera und öl übertragen. Obwohl die dargestellten Szenen realistisch
gesehen werden, erhalten sie durch ihre giftigen Farben und künstlichen
Strukturen einen unwirklichen, bedrohlichen Charakter: Von diesen
kleinformatigen Bildern geht eine schwerbechreibbare, lauernde Spannung aus.
Befremdender wirken die allegorisch-mythologischen Darstellungen, die nach
1900 eine zentrale Stellung im Werk des Malers einnehmen und die weder bei
der Kritik noch beim Publikum auf Gegenliebe stossen. Vallotton, der durch
seine Heirat mit Gabrielle Rodrigues-Henriques (1899) Zutritt zu den
reichsten Pariser Kreisen gefunden hatte, vereinsamte immer mehr. Seine
Bitterkeit wird sowohl durch die geringe Resonanz, welche seine
„neo-klassizistischen“ Bilder finden, wie durch den mondänen Aufwand seines
Familienlebens hervorgerufen. Am Ende seines Lebens entstehen eine Reihe von
zusammengestellten Landschaften, die möglicherweise als dei Höhepunkt seines
Werkes angese hen werden können. Rudolf Koelli schreibt über sie: „Und immci
mutet die Landschaft merkwürdig verfremdet an: m einem Grad ins
Obersinnliche, Übernatürliche gesteigert, dass die Wirkung beklemmender
Künstlichkeit und traumhafter Mystenosität davon ausgeht.“ Es ist diese
Stimmung, die auch seine letzte literarische Arbeit, den Roman „Corbehaut“
(1920) kennzeichnet. Das Unheimliche durchbricht immer wieder die scheinbar
freundliche Oberfläche; hinter den friedlichen Fassaden und Landschaften der
Bretagne verbirgt sich Grauenhaftes, das die kümmerlichen Phantasiegebilde
der schreibenden Hauptperson weit übertrifft. Vallottons grosse Leistung ist
dieses Sichtbarmachen des Phantastischen in der Realität. Er steht hiermit
am Anfang einer für dieses Jahrhundert wesentlichen Entwicklung.
Weitere Hauptwerke Der Besuch, 1899; Rogcr befreit Angelika, 1907; Pcrseus,
der Drachentöter, 1923; Treibsand am Ufer der Loire, 1923; Die Dordogne bei
Carrenae, 1925. |