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(* 11. 8. 1930 Luzern)
Als Serge Stauffer vor einigen Jahren den durch die documcnta 5 einem
grösseren Kreis bekanntgewordenen Andre Thomkins fragte, was er ursprünglich
habe werden wollen, bekam er zur Antwort: „Architekt für phantastische
Gebäude“. Hätte Thomkins ursprünglich gewünscht, Architekt für phantastische
„Räume“ zu werden, so hätte er recht genau, auch hinsichtlich der
Ausdeutbarkeit dieses Begriffes, den Maler und Zeichner charakterisiert, der
er heute ist. Gleichwohl sind Thomkins gemalte Räume, wie seine
phantastischen Landschaften, belebt: von menschlichen Figuren, von
Rudimenten menschlicher Figuren, von architektonischen Lebewesen, wie man
sie bei Bracelli oder Escher finden kann, dessen Werke, als er sie 1961 das
erste Mal zu Gesicht bekam, eine derartig einschneidende
Entwicklungsveränderung bewirkten, dass man jenes Datum gleichsam als
„Wendemarke“ ansehen müsste. Bilder wie Niederland (1964), sirène sanitaire
(1966), menschennetz (1968) oder das zartfarbige ITEM von 1970 lesen sich
wie eine kongeniale Paraphrase auf die Radierungen und Zeichnungen des
Cornelis Escher.
Die ersten Unterweisungen im figürlichen Zeichnen bekam Thomkins, dessen
Vater Architekt war, am heimatlichen Gymnasium in Luzern. Mit 20 Jahren
übersiedelt Thomkins nach Paris, wo er an der Grande-Chaumière Kurse im
Croquis-Zeichnen belegt. 1952 geht Thomkins nach Deutschland und bezieht
dort 1955 in Essen „ein beliebiges Einfamilienhaus in einer beliebigen
Stadt“. Neben der Aquarellmalerei und dem Zeichnen beschäftigen Thomkins
Text-Palindrome, Bühnenbilder und Ton-Collagen, die er 1957 für die
Aufführung des Stückes „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“ von Picasso
anfertigt, das von seinem Freund Daniel Spoerri in Bern inszeniert wurde.
Ähnlich wie bei Ernst zählen zu Thomkins' Lieblingsmalern: Bruegel, Bosch
und Leonardo da Vinci und von den neueren Künstlern ist es Marcel Duchamp,
dessen Material-Collagen er zeichnerisch nachempfindet.
Thomkins' Werk, das eine vergleichbare Sonderstellung wie das des Hamburgers
Janssen einnimmt, entzieht sich fast dem harten kritischen Zugriff und der
exakten Einordnung: Es scheint, wie bei dem filigranen Bild-Wort-Palindrom
backbord-bockbart (1973), eine neue Art von Phantasie am Werke zu sein, der
die zartesten Aquarelltöne und die empfindsamen Bleistift- oder
Rabenfeder-Liniaturen noch zu handfest sind. Thomkins' Kunst ist von einer
Leichtigkeit
und Zerbrechlichkeit, die, in der neuzeitlichen Malerei ohne vergleichbares
Gegenstück, dennoch alles miteinander kombinierbar macht. In diesem Sinne
steht Thomkins dem Dadaismus und dem „praktizierbaren“ Surrealismus näher,
als es Zeichner wie Robert Lagarde oder Martini jemals vermocht haben. |