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(* 25. 8. 1912 Galesburg/Illinois)
Es wäre ungerecht, in Dorothea Tanning nur die Ehefrau - Ernsts zu sehen
oder die hauptsächlich auf Insiderkreise beschränkte Bekanntheit ihres
Werkes dieser Ehe zuzuschreiben. Ihre Bilder haben innerhalb des
Surrealismus ihre unverwechselbare Position. Einen überwältigenden Eindruck
machte 1936 die Ausstellung „Fantastic Art, Dada and Surrealism“ im New
Yorker Museum of Modern Art auf die junge Amerikanerin, die sich bis dahin
über den Weg, den ihre künstlerische Begabung nehmen sollte, noch keineswegs
im klaren war. Sie führte, nachdem sie schon früh das gutbürgerliche
Elternhaus verlassen hatte, das Leben einer Bohémienne, wechselte
regelmässig die Wohnorte, nahm manchmal Malunterricht und reiste 1939 nach
Paris, das auf sie eher einen trostlosen Eindruck machte, da viele Künstler
vor der Kriegsdrohung schon geflohen waren. Sie geht von dort nach Stockholm
und kehrt dann nach New York zurück, wo sie 1942 ihre ersten bedeutenden
Bilder malt, durch die sie auch Max Ernst, der Gemälde für eine
surrealistische Ausstellung suchte, kennenlernte. Durch ihn wird sie in den
surrealistischen Kreis eingeführt, der sich während des Krieges m New York
wieder zusammengefunden hatte: Andre Breton, Marcel Duchamp, Andre Masson,
Tanguy, Matta und viele andere. Sie spielte in dem surrealistischen Film „Dreams
that money can buy“ von Hans Richter mit und konzentrierte sich immer mehr
auf ihre Malerei, wobei sie sich manchmal von dem Ruhm ihres
Lebensgefährten, den sie 1946 heiratete, gehemmt fühlte. Zwischen 1942 und
1952 entstehen ihre wichtigsten Bilder, von denen vor allem Eine gewisse
Mrs. Radcliffe war heute da (1944), Eine kleine Nachtmusik (1946) und Das
Zimmmer der Freunde (1950-1952) hervorzuheben sind. Das Eindrucksvolle
dieser Bilder ist vor allem auf den Kontrast '/.wischen der fast
photographischen Genauigkeit in der Darstellung und den bizarren Sujets
selbst zurückzuführen. Erotisches findet in ungewöhnlichen Metaphern seinen
faszinierenden Ausdruck, auch wenn Dorothea Tanning der Meinung ist, dass
dieser Aspekt ihres Werkes von den Kritikern überbetont wurde. Nach 1952
setzt sich eine stetige Änderung in ihrem Werk durch. Die klaren Umrisse
zerfliessen, ihre Ölbilder scheinen in die Nähe von Aquarellen rücken zu
wollen, und eine zunehmende Neigung zur Abstraktion wird sichtbar. Es ist
unverkennbar, dass diese allmähliche Aufgabe ihrer surrealistischen Anfänge
zugleich einen künstlerischen Abstieg bedeutet, wie die grosse
Übersichtsausstellung 1974 in Paris dokumentierte. Die Künstlerin, die seit
dem Kriegsende wieder in Frankreich lebt (zuerst in Paris und später in
Scillans), äusserte sich anlässlich dieser Ausstellung in einem Gespräch mit
Alain Jouffroy zu dieser Entwicklung in ihrem Werk: „Seit langer Zeit zwinge
ich mich dazu, zwischen mich und die Personen, die auf den Bildern
auftauchen, Schleier zu werfen. Man muss sich die Zeit nehmen, sie
kennenzulernen, man braucht auch Mut dazu. In den ersten Jahren malte ich
"unsere" Seite des Spiegels - für mich ist der Spiegel eine Tür -, aber ich
glaube, dass ich längst auf die andere Seite gegangen bin. Da sieht man sich
nicht direkt ins Gesicht. Es ist ein mehr heimliches Sehen, voller
Sanftheit. Damit der Augenblick besser festgehalten wird.“ |