|
(* 10. 8. 1880 Nantes, T
26. 9. 1950 Mailand)
Der Bekanntheitsgrad von Roys Werken steht, auch heute noch, im krassen
Gegensatz zu ihrer Wichtigkeit. Aber schon ein Blick in den schmalen
Katalog, den die Kestner-Gesellschaft anlässlich der ersten deutschen
Roy-Ausstellung im Jahre 1967 herausbrachte, macht deutlich, warum Jean
Cocteau und de Chirico ihn gelobt und bewundert haben. Neben der Toyen, die
man fast in jedem Lexikon finden kann, ist er der zweite, jedoch tiefer
wirkende Maler unter den „Unbekannten“, die sich zur Gruppe der Surrealisten
zählen oder, besser, zählen lassen. Obgleich Roy sich schon 1920 den Malern
des Surrealismus anschloss, ohne wie Tristan Tzara davon überzeugt zu sein,
dass deren Weg logischerweise zum Kommunismus führen müsse, rechnete er sich
genaugenommen nicht zu ihnen. Vielleicht ging es ihm auch nur um deren erste
Ausstellung, an der er dann auch teilnahm (1925). Nach den Studienjahren an
der Ecole des Beaux Arts und der Ecole des Arts Decoratifs, "wo er Schüler
von Eugene Grasset war, stösst er zunächst, um 1910, zur Gruppe der Fauves,
lernt Max Jacob und Guillaume Apollinaire kennen. Die Bilder aus dieser Zeit
weisen ihn noch als Neo-Impressionisten aus. Ein Jahr später wechselt er
Malart und Genre, entwickelt eine regelrechte Sorge um das Minuziöse, Genaue
und Realitätsnahe. Er strebt nach einer technischen Vollendung, die den
alten flämischen Malern entlehnt sein könnte. Die Bilder von 1920 an belegen
ausserdem eine überraschende Verwandtschaft zu einigen magischen Realisten
wie Herbert Böttger oder den frühen Oelze. Dass m dieser Zeit de Chirico und
Roy sich gegenseitig beeinflusst haben, bleibt nicht länger nur Vermutung;
auch auf den fast 20 Jahre jüngeren Magritte muss er gewirkt haben, was
Sujet und Perspektive angeht. Der reiselustige Roy, der sich nie um seine
Malerkollegen und um seine Wirkung bekümmert hat, benennt auf einem
Fragebogen für das Museum of Modern Art in New York nach für ihn wichtige
Persönlichkeiten keinen bekannten Maler ausser de Chirico, dem er sich
verbunden fühlt; er nennt vielmehr Literaten wie Louis Aragon, Paul Eluard
und Cocteau, mit dem er lange befreundet war. Starken Einfluss, das sagt er
selbst, habe die Literatur Jules Vernes gehabt: Einer der Wegbereiter der
Phantastischen Malerei im 20. Jahrhundert stellt sich also in den
Wirkungskreis eines phantastischen Literaten und sorgt sich nicht, wie er
schreibt, „um Impressionismus und Kubismus, um Surrealismus und um
Abstraktion“. Pierre Roys fruchtbarste Schaffensphase liegt in der Zeit von
1920 bis 1940, allem unterbrochen durch Reisen ins Ausland. Seine frühesten
Erfolge hat er in Amerika. Er arbeitet für das schwedische Ballett Rolf de
Mares und illustriert 1946 mit einer Folge von Lithographien das Buch „L'enfant
de la haute mer“ von Jules Supervielle. 1950 stirbt er, von wenigen nur
gekannt, von wenigen nur verehrt, während einer Reise zu einer Ausstellung
in Bergamo, wo man seine Bilder zeigen wollte. |