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(* 21. 5. 1844 Laval, T
4.9. 1910 Paris)
Die Kunstgeschichte hat sich mit der Einordnung des Zöllners Rousseau in die
vertrauten Entwicklungslinien der Malerei immer ausserordentlich schwer
getan. Obwohl man ihn mit Vorliebe den grössten der „primitiven“ oder
„naiven“ Maler oder der „Sonntagsmaler“ genannt hat, trifft diese
Bezeichnung kaum die Eigenart des seltsamen Bretonen, den weder der ihm
reichlich zuteil werdende Spott noch das Lob mancher hellsichtiger Kritiker
von seinem Weg abzubringen vermochten. Der junge Rousseau, der einer
Kleinbürgerfamilie entstammte, kam nach seiner Militärzeit (1864-1868) nach
Paris, heiratete dort 1869 Clémence Boitard und wurde im selben Jahr Beamter
Zweiter Klasse beim Lebensmittelzoll von Paris. Ob er schon während seiner
Beamtenzeit zu malen angefangen hat, ist umstritten, ebenso das genaue Datum
seiner Pensionierung. Im allgemeinen wird in bezug auf seine Pensionierung
das Jahr 1885 genannt. Als 1884 der „Salon des Independants“ eröffnet wurde
als eine Art Gegeninitiative zum offiziellen Salon, fand Rousseau hier die
Möglichkeit, seine Bilder auszustellen, die er auch weiterhin wahrnehmen
sollte. Die Datierung seiner Werke bietet grosse Schwierigkeiten, da von
einer Entwicklung im üblichen Sinne bei Rousseau nicht gesprochen werden
kann. Mit Sicherheit ist anzunehmen, dass ein erstaunlich gelungenes Bild
wie Karnevalsabend aus dieser Zeit stammt. Spätere Kommentatoren haben sich
darüber gewundert, dass der spezifische Charakter der Rousseauschen Bilder
von ihren Anfängen an schon so deutlich erkennbar ist. Von feststellbaren
Einflüssen anderer Künstler auf Rousseaus Werk kann kaum die Rede sein, auch
wenn man weiss, wie sehr seine Bewunderung den akademischen Malern seiner
Zeit, insbesondere Jean Leon Geröme und Adolphe William Bouguereau galt.
Sein Streben, es ihnen gleichzutun, führte ihn aber, geradezu wider Willen,
auf Wege, die ihn zu einem der wichtigsten Vorläufer der Moderne machen.
Dass seine Bilder denn auch bei der künstlerischen Avantgarde immer
grösseren Anklang fanden, braucht nicht zu verwundern. Es ist heute manchmal
schwer, die historische Gestalt des Zöllners noch von den Legenden zu
befreien, die seine Freunde Alfred Jarry, Guillaume Apollinaire, Pablo
Picasso (der zu seinen Ehren 1908 ein berühmtes Bankett gab) und Robert
Delaunay um ihn gewoben haben. Dora Vallier hat den höchst persönlichen
Charakter seiner Malerei auf den Konflikt zwischen Bewusstsein (Streben nach
akademischer Glätte) und Imagination zurückgeführt, wobei sie dargelegt hat,
wie im Spätwerk die Imagination, die sich am eindringlichsten in den
Urwaldlandschaften verwirklichen konnte, die Oberhand gewinnt. Rousseau sah
sich, wie aus einer kurzen, für ein nie erschienenes Lexikon verfassten
Selbstbiographie hervorgeht, als einen der grossen realistischen Maler
seiner Zeit, während sein Werk auf den Betrachter traumhaft-phantastisch
wirkt. „Jede Form, die er bildet“, sagt Dora Vallier, „wird alsbald durch
seine Phantasie, die er immer /.u unterdrücken sucht, hintergründig
erweitert. Die Realität erhält jene seltsame Klarheit, die in unseren Augen
zu Rousseaus Originalität gehört. Er hingegen versuchte, sich der Wirkung
der Dinge zu entziehen. Den malerischen Konventionen zuliebe unterdrückte er
seine Empfindungen. Als Reaktion kamen unerwartete Formen hervor, kleine
Figuren, die dein Betrachter den Rücken zukehren, offene Türen, die
nirgendwo hinführen, und Bäume, die, wer weiss wo, wachsen. Ihre
unmittelbare Gegenwärtigkeit übt ihrerseits eine starke Wirkung aus, und
dieses Gegeneinander der Kräfte gibt dem Realismus des Zöllners eine
unheimliche Note.“ Die letzten Lebensjahre des Malers, in denen er im
Galeristen Ambroise Vollard einen regelmässigen Abnehmer für seine Bilder
fand, wurden durch eine unglückliche Liebesaffäre und eine von seinem jungen
Freund Wilhelm Uhde organisierte Ausstellung, die fehlschlug, geprägt
(1909). Zu dieser Ausstellung erschienen am Eröff-nungsabend nur der Maler
und sein Freund, denn Uhde hatte vergessen, auf den Einladungskarten die
Adresse anzugeben.
Weitere Hauptwerke Ich seihst, Porträt-Landschaft, 1890; Porträt Pierre Loti,
1891/92; Der Krieg, 1894 (Farhabb. y-): Die schlafende Zigeunerin, 1897; Der
hungrige Löwe, 1905; Die Schlangenbeschwörern!, 1907; Traum der Yadwigha,
1910. |