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Der Begriff
„Phantastischer Realismus“ wurde ursprünglich in der zweiten Hälfte der 50er
Jahre von Johann Muschik als Kennzeichnung der Maler der Wiener Schule
geprägt. Schon bald darauf aber wurde diese Bezeichnung auch auf andere
phantastische Maler der Gegenwart angewandt. Diese all gemeinere Bedeutung
erhält der phantastische Realismus auch bei Jean Claude Guilbert, der den
Begriff sowohl auf die Maler des Surrealismus, der Wiener Schule und auf die
Meta-Realisten anwendet wie auch auf eine Reihe nicht näher zu
klassifizierender moderner Maler: beispielsweise den Comic-Strip-Zeichner
Philippe Druillet (Illustratoren, phantastische). Die Maler des
phantastischen Realismus verharren zwar im Gegenständlichen, aber in ihren
Bildern nehmen sie eine entschiedene Veränderung der Realität vor: Diese
wird um „nicht mögliche“ Formen und Gestalten bereichert, ihre Strukturen
werden zerstört und neu aufgebaut, ihre Gesetze werden teilweise oder völlig
aufgehoben. Der phantastische Realismus ist somit eine der grundsätzlichen
Möglichkeiten der Phantastischen Malerei, die andere ist der Magische
Realismus (vgl. Einleitung).
Ursprünglich zur „Neuen Sachlichkeit“ gehörend, entwickelte sich Werner
Peiner (geb. 1897), dessen Erfolg während des Dritten Reiches dazu führte,
dass sein Werk nach 1945 vergessen wurde, zu einem
phantastisch-realistischen Maler visionärster Prägung, dessen
Untergangsdarstellungen wie Die apokalyptischen Reiter (1943) oder Attila
eine neue Aufmerksamkeit verdienen, so wie sie auch dem Werk eines anderen
Malers dieser Epoche, Staeger geschenkt wurde.
Die zwei aus Russland stammenden amerikanischen Maler Eugene Berman (geb.
1899) und Peter Blume (geb. 1906) neigen in ihrem Werk zu
phantastisch-allegorischen Stoffen. Bei Berman, dem Führer der sogenannten
„Neo-Romantiker“ gibt es gemalte Architekturen, die an Desiderio erinnern,
während er in einem Bild wie Die verlorenen Kinder der Strasse (1938) einen
höchst beunruhigenden Gebrauch von Trompe l'oeuil-Effekten macht. Von Blume
wurde vor allem Ewige Stadt (1934-37) berühmt: eine Warnung vor der
Bedrohung des Faschismus.
Einen engen Kontakt zur Wiener Schule hatte zeitweilig Richard Matouscheck
(1925-1976), dessen höchst abenteuerliches Leben schon zu Lebzeiten des
Künstlers zu Legendenbildung Anlass gab. Fuchs ermöglichte ihm 1958 seine
erste Ausstellung. Ober sein Werk sagte Matouscheck: „Ich male, was mich
mein Auge sehen lässt, wenn ich es schliesse. Die Natur, die Landschaft
unbewohnt, eisig, ohne Erbarmen, das wir so gerne erflehen. Eine
entsetzliche Schönheit. Farbe, Bewegung, Unendlichkeit, Ewigkeit.“
Stanislao Lepri (geb. 1905), der seine Ausbildung von Fini erhielt und mit
Clerici und Gugel befreundet ist, malt mit Vorliebe winzige menschliche
Figuren, die sich in rätselhaften Bauten oder riesigen Geräten verirrt haben
(Die Eroberung da Raumes, 1964; Heiligtum, 1971). Manchmal aber bilden diese
Figuren auch selbst das Gebäude: Der Turm von Kabel (1965), dessen Spitze in
den Wolken von den drei Grazien gekrönt wird.
In der Nachfolge Bellmers sind die erotischen Zeichnungen von Raymond
Bertrand (geb. 1945) anzusiedeln, der allerdings oft trotz seines grossen
handwerklichen Könnens die Grenzen zum „pornographischen Kitsch“
überschreitet. Das gilt keineswegs für einen anderen erotisch-phantastischen
Zeichner, Gilles Rimbault (geb. 1945), dessen neueste Arbeiten zwar eine
Verwandtschaft mit dem Werk Gigers zeigen, aber dennoch in der makabren
Gestaltung alter Mythen (Pegasus im Bad, 1974) oder in Hommagen an die
Trivialkultur unserer Zeit (Heartbreak Hotel, 1976) einen sehr eigenen Ton
erkennen lassen. Erotische und politische Motive gehen im Werk des wohl
berühmtesten zeitgenössischen Malers Griechenlands, Jannis Tsarouchis (geb.
1910), der während des Militärregimes im Exil leben musste, mit den
Elementen der traditionellen griechischen Volkskunst eine überraschende
Verbindung cm. Da erscheinen muskulöse Engel zum proletarischen
Hochzeitsfest, oder die Gestalten der antiken Mythologie verleihen der
alltäglichen Wirklichkeit eine neue Dimension (Dionysos, nach den Bacchen
von Eurpides, 1973). Die Volkskunst seiner Heimat spielt auch im Werk des
Argentiniers Guillermo Roux (geb. 1929) eine wichtige Rolle. In Arbeiten wie
Gitarre (1976) oder Der Sieger (1973) entwickelt er vollkommen neue
Techniken der Kohlezeichnung und des Aquarells. Die in mehreren Schichten
aufgetragenen Wasserfarben geben seinen manchmal an Gnoli erinnernden
Bildern einen seltsam plastischen Charakter. In Deutschland vertreten neben
Meckseper, Schwarz oder Janssen Maler wie Andreas Paul Weber (geb. 1893),
Peter Collien (geb. 1938), Peter Ackermann (geb. 1934), Uwe Bremer (geb.
1940) oder Siegbert Hahn (geb. 1937) die verschiedensten Möglichkeiten eines
phantastischen Realismus. Weber setzt die Tradition der
phantastisch-bizarren Karikaturisten a la Grandville fort, während Collien
sich auf die grossen altdeutschen Meister der Graphik wie Baidung, gen.
Grien, zu besinnen scheint. Die Darstellungen langsam zerfallender Häuser
und Stadtviertel bei Ackermann kontrastieren in ihrem düsteren Grundton
heftig mit den exotisch farbigen Landschaftskompositionen, die, von
befremdlichen Pflanzen und Vögeln bevölkert, eine typische Ausdrucksform
Hahns sind. Bremer schliesslich, der sich vor allem als Illustrator einen
Namen machte, verbindet in seinem Werk mathematische Figuren mit maskenhaft
verzerrten Fratzen, Totenköpfen und Dämonen. Die Vielfalt der Möglichkeiten
des phantastischen Realismus in der Malerei ist so gross, dass man in ihm
durchaus eine der wichtigsten Strömungen in der Kunst unserer Zeit sehen
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