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Seit der Entdeckung der
Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen im Jahre 1727 durch den Arzt Johann
Heinrich Schulze aus Halle und seit der Verwendung des ersten brauchbaren
Lichtbildverfahrens (Daguerreotypie), das von den beiden Franzosen Nicephore
Niepce und Louis Jacques Mandé Daguerre 1839 entwickelt wurde, bis hin zur
Stro-bochromatographie, bei der mehrere Phasen eines schnellen
Bewegungsablaufs, durch verschiedenfarbige Blitze voneinander getrennt,
sichtbar gemacht werden können, besitzt die Photographie ein „genuines“
phantastisches Moment, das mal stärker, mal schwächer in Erscheinung tritt.
Neben diesem fast ungewollt phantastischen Element der Photographie gibt es
jene bewusst inszenierten Lichtbilder, deren „Kunstwollen“ ihre Schöpfer
heute gleichberechtigt neben die Künstler der „klassischen“ Disziplinen,
Musik, Malerei und Literatur stellt.
Am Anfang (1918) einer noch zu schreibenden Geschichte der Phantastischen
Photographie stehen die Photocollagen und die Photomontagen der Dadaisten
(Futuristen und der russischen Avantgarde), deren frühes photographisches
Wirken innerhalb des umfangreichen Katalogs der „1. Dada-Messe“ in der
Kunsthandlung Otto Burchard in Berlin (1920) dokumentiert wird. George
Grosz. (1893-1959), Raoul Hausmann (1886-1971) und John Heartfield
(1891-1968) sind neben Ernst, Hanna Hoch (geb. 1889) und Kurt Schwitters
(1887-1948) die wichtigsten Wegbereiter dieser neuen Kunst. Gleichwohl
spricht aus jenen surrealistisch anmutenden Photoarbeiten noch kein
„überlegtes“ Konstruktionsprinzip, was auch den reinen dadaistischen Maximen
entgegengestanden hätte, sondern, wie Richard Hiepe formuliert, „ein inneres
Montageprinzip . . ., die Kombination aus beschreibbaren Absichten,
ungehemmten bildlichen Assoziationen und ungescheuter formaler Praxis“. Aus
diesem Grunde musste Heartfield, der als einziger die Photomontage-Technik m
einen konkreten Bezug zur politischen Wirklichkeit setzte, wüten de
Beschimpfungen von Dada- punsten, wie beispielsweise Kurt Schwitters, über
sich ergehen lassen.
Neben den Kölner und Berliner Dadaisten setzten sich auch die Künstler des
Bauhaus mit der Photographie auseinander und entdeckten die Möglichkeiten
einer poetischen Bildsprache, deren bedeutendster Vertreter Laszlo
Moholy-Nagy (1895-1946) war. Max „ Burchartz (geb. 1887) und Johan-nis Canis
(geb. 1895) sorgten da- für, dass die Möglichkeiten der phantastischen
Photomontagen auch Eingang in die Werbung (Prospekte, Plakate) fanden, wofür
die phantasievollen Objektmontagen eines El Lissitzky (1890-1941), die er
für die Pelikan-Werbung anfertigte, ein eindrucksvoller Beleg sind. Auch
Willi Baumeister (1889-1955) beschäftigte sich während seiner Frankfurter
Lehrtätigkeit mit der angewandten Photomontage und bezog sie in der Form der
Fotozeichnung in das konstruktive Formgerüst seiner Gemälde mit ein.
Es ist bezeichnend für die Phantastische Photographie in der ersten Phase
von 1918 bis 1936, von den Anfängen Francis Picabias über die Fotomontagen
mit Objekten vor dunklem Grund eines Friedrich Vordemberge-Gildewart
(1899-1962) und die Silberkugel-Photos des 1895 geborenen Georg Muche bis zu
den Solarisationen, Rayographien oder Fotogrammen einesRay, dass sich ihre
entschiedensten Exponenten zumeist unter den bildenden Künstlern jener Zeit,
vom Dadaismus, Konstruktivismus bis zum Surrealismus, finden lassen. Auch
eine Reihe von phantastischen Photos aus dem Nachlass des Belgiers Magritte,
die im Januar 1977 im Münchener Lenbachhaus ausgestellt waren, belegen - wie
die mit Detailschärfe gemalten Traumphotographien von Dali - die enge
Beziehung zwischen den beiden Medien Lichtbild und Malerei. Erst nach 1936
und den „realistischen“ Tendenzen in der Bildenden Kunst und im Film
(zeitgleich mit jenem „Poetischen Realismus“ eines Rene Clair, Marcel Garne
und Jean Renoir in Frankreich) beginnen „reine“ Photographen wie Josef Sudek
(geb. 1896) und Herbert List (1903-1975), das Gebiet der Phantastischen
Photographie auszumessen.
Ihr zweiter Abschnitt setzt 1936 mit einer Reihe von Photos des Hamburgers
Herbert List ein, die er, unter dem Eindruck der Bilderwelt de Chiricos,
fotografia metafisica nennt. List, der lange Zeit in Paris, London und Rom
lebte, war mit den meisten Surrealisten, vom „Alleskünstler“ Cocteau bis zu
Clerici, persönlich bekannt. Obgleich er schon 1933 phototechnische
Experimente durch führte, wie bei der Doppelbelichtung Ostsee, auf der ein
junger Mann mit Maske abgebildet ist, vollzieht er die Hinwendung zur
Phantastik erst durch jene 1936 im Londoner Exil entstandenen Arbeiten. Das
erste Lichtbild dieser Serie London (1936) zeigt die endlose Spirale einer
Rolle Wellpappe, in fein abgestuften Grautönen, als Metapher für das
„moderne Labyrinth“. Weitere Arbeiten wie Santorin (1937), Lykabettos
(1937;) und Georges Hoymingen-Huene, Glyphada (1937) belegen die
erstaunliche Themenvielfalt dieses „Pioniers der modernen metaphysischen
Photographie“. Bei Josef Sudek besitzt das phantastische Moment, wie bei
seinem Landsmann Jaromir Funke (1896-1944), eine andere Qualität. Er
konstruiert nicht wie List, sondern wählt den Ausschnitt; Sudeks Photos sind
„zarte Ablichtungen“ einer unendlich melancholisch gesehenen Wirklichkeit.
Sein Repertoire reicht von phantastischen Landschaften, Städtephotos bis zum
kargen Stilleben. Der Engländer Angus McBean (geb. um 1905) zählt mit dem
Amerikaner Harry Callahan (geb. 1912) zu den bedeutendsten durch den
Surrealismus eines Magritte beeinflussten Lichtbildnern.
Der Australier Sidney Nolan (geb. 1917) bietet mit seinen Werken Wüste
(1952) und Carcase in Tree (1952) eine Form der Photographie, die man aus
Horror-Filmen zu kennen meint: Pferdeskelette, an denen die Haut in Fetzen
herunterhängt, scheinen im Galopp davonzueilen, wobei ihnen ein lebender
Reiter Peitsche und Sporen gibt. Der Engländer Filip Tas (geb. 1918) müsste
als Photograph phantastischere Architekturen bezeichnet werden; es ist
jedoch nicht der Bildgegenstand als solcher, sondern der Betrachtungswinkel,
der die magisch-reale Dimension von Fassaden, Bauwerken und Strassenzügen
hervorhebt. Helmut Newtons Lichtbildkunst hingegen lebt von einem in der
Phantastik selten anzutreffenden Element: der mit Humor gemischten Erotik.
Seme Serie für „Marie-Claire“ (1973) oder für „Vogue Hommes“ (1974) sind ein
Musterbeispiel für die Einbringung eines rein ästhetischen Akzentes in die
Phantastische Pho-tographie. Die technisch-nüchternen Photocollagen des
Kölner Bildhauers und Graphikers Hans Salentin (geb. 1925) greifen zurück
auf die Collagetechniken eines Max Ernst oder Moholy-Nagy, während die
magisch-realen Lichtbilder des Mannheimers Robert Häuser (geb. 1924) wieder
die Transzendenz Herbert Lists und die Spontaneität einer Diane Arbus
(1923-1971) erreichen. Duane Michals (geb. 1932) bietet mit seiner
Photo-Sequenz Die Dinge sind seltsam (1972) jene geläufige Phantastik, die
von der Ausnutzung perspektivischer Verzerrungen und Gegenüberstellung von
disparaten Massstäben (Miniaturmöbel und normale Körpergrösse) lebt. Leslie
Krims (geb. 1943) erschafft in seiner Bildfolge Fictkrimsografien (1976)
„fiktive menschliche Situationen“, die, ähnlich den Photo-Sequenzen des
jungen Karel Fonteyne (geb. 1950), den menschlichen Körper, die
deformierbare Figur, in pittoreskbrutale Beziehung zur alltäglichen Dingwelt
setzt.
Die Phantastische Photographie, deren Anfänge mit dem Einsetzen des
Dadaismus und später des Surrealismus zusammenfallen, hat erst seit den
Bild-Serien Lists, Nolans und Michals zu einer eigenständigen Aussageform
gefunden, in deren Verlängerung sich das „Kunstwerden“ des eigenen Mediums
vollzog, das heute Ergebnisse aufweisen kann, die selbst über die
Möglichkeiten der Malerei hinausreichen. |