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(* 27. 1. 1805 London, T
24.5.1881 Redhill)
Ein nur als visionär zu bezeichnendes Erlebnis, das Palmer als dreijähriger
Knabe während einer Mondnacht hatte, beeindruckte ihn so stark, dass er kurz
vor seinem Tode noch schreiben konnte: „Ich habe jene Schatten nie vergessen
und versuche immer noch, sie zu malen.“ Die Schatten, die über eine vom
Mondlicht überflutete Wand huschten, werden zu einem Symbol für die
geheimnisvolle, paradiesische Schönheit, die dem Menschen noch m seiner
Jugend nahe ist, ihm aber dann verlorengeht. Palmer wuchs in einer sehr
religiösen Umgebung auf, und die Lektüre seiner Lieblingsdichter Milton und
Vergil, denen er sein ganzes Leben treu blieb, verstärkte noch die in ihm
vorhandene Tendenz, in der Schönheit der Landschaft ein Bild des Göttlichen
zu sehen. Eine frühe Neigung zur Malerei wurde vom verständnisvollen Vater
gefördert, und nach einigen Monaten des professionellen Unterrichts konnte
er schon 1829 einige Aquarelle in der Jahresausstellung der Royal Academy
zeigen. Palmer war mit seinen frühen Arbeiten aber keineswegs zufrieden,
denn in ihnen war es ihm nicht gelungen, die visionäre Schau der Dinge zu
vermitteln, die er anstrebte. Seine Mittel waren noch zu traditionell. Die
Arbeiten Turners und vor allem Blakes, den er durch Vermittlung des Malers
John Linnell im Jahre 1824 kennenlernte, zeigten ihm aber, in welche
Richtung seine Suche zu gehen habe. Linnell hatte ihn auch auf die alten
Meister, insbesondere auf Dürer hingewiesen. Blake beeindruckte den jungen
Maler vor allem auch in seiner menschlichen Grösse, und er wurde Vorbild und
Meister einer Gruppe von Malern, die sich mit Palmer 1826 unter dem Namen „The
Ancients“ zusammenschlössen. Zu ihnen gehörten unter anderem George .Richmond,
Francis Finch und Edward Calvert (Landschaft, phantastische). „Heimat“ der
Gruppe wurde Palmers Haus im idyllisch gelegenen Shoreham, das er 1827
bezogen hatte. In den sieben Jahren, die er hier verbrachte, entstanden
seine Hauptwerke, die, von der Linearität Blakes ausgehend, eine vollkommen
neue Art der Landschaftsmalerci in England initiieren; aus Bildern wie
Kornfeld im Mondlicht, mit dem Abendstern (um 1830) spricht ein ähnlich
metaphysisches Naturempfinden wie aus den Landschaften Caspar David
Friedrichs. Die Verwandlung der Landschaft in ein irdisches Paradies, in
eine Utopie der Ruhe und des Glücks sichern den in Shoreham entstandenen
Bildern ihren einzigartigen Platz in der Geschichte der englischen Malerei.
Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten musste Palmer 1836 Shoreham verlassen.
Als Folge seiner Heirat mit Linnells Tochter (1837), der eine zweijährige
Italien-Reise folgte, sah er sich aus finanziellen Gründen gezwungen, zu
einem konventionellen Malstil zurückzukehren, da sich seine visionären
Bilder nicht verkaufen liessen. Persönliches Leid (zwei seiner Kinder
starben), immerwährende materielle Schwierigkeiten und künstlerische
Enttäuschungen liessen die Schöpferkraft Palmers nahezu versiegen, während
der in Italien als neues Vorbild entdeckte Claude Lorrain, der an Blakes
Stelle trat, einen eher negativen Einfluss auf Palmers Werk ausübte. Erst
die kurz vor seinem Tod entstandenen Radierungen zu Milton und den Eklogen
Vergils, die Palmer als hervorragenden Graphiker ausweisen, erreichen wieder
jene poetisch-verzaubernde Intensität der Shoreham-Bilder. |