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Surrealismus, phantastische Malerei
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Müller, Richard

(* 28.7. 1874 Tschirnitz/Böhmen, T 1954 Dresden)
In den meisten, nach 1945 erschienenen Geschichten der Deutschen Kunst ist der Name Richard Müllers nicht einmal im Register zu finden, obgleich er bis nach 1930, neben - Klinger, zu den bekanntesten Künstlern Deutschlands zählte. Erst die grosse Hamburger Retrospektivausstellung von 1974 ermöglichte es, sich wieder mit dem lange vergessenen Künstler auseinanderzusetzen, dessen graphisches Werk noch vom späten Symbolismus eines Klinger geprägt zu sein scheint und sich, darüber hinaus, wie ein Vorgriff auf den „Collage-Surrealismus“ eines Ernst ausnimmt. Der Vater Richard Müllers, ein einfacher Weber, muss schon früh auf die künstlerische Begabung seines Sohnes aufmerksam geworden sein: Er schickt den 14jährigen Richard auf die Schule der Königlich Sächsischen Porzellanmanufaktur in Meissen. Schon ein Jahr später (1890) geht Müller auf eigene Faust, „ohne Mittel und Protektion“, wie Thomas Schröder schreibt, „nach Dresden, wird dort" in die Akademie aufgenommen und hat 1895 die erste, für sein“ Werk wohl entscheidende Begegnung mit dem Graphiker und, Bildhauer Max Klinger.“ Klinger muss die Begabung sofort erkannt haben; er begeistert den jungen Müller für die Radicrtcchnik, und er schenkt ihm eine Radiernadel: Anderthalb Jahre darauf gewinnt Müller mit einer Radierung den mit 6000 Goldmark dotierten „Grossen Rompreis“. Schon mit 25-Jahren ist Müller in Dresden genauso berühmt wie Klinger; mit. 26 Jahren, knapp drei Jahre nach Klingers Ernennung zum Professor in Leipzig, bekommt Müller eine Professur (1900) an der Akademie in Dresden.
Müller, zu dessen späteren Schülern George Grosz, Otto Dix und Richard Scheibe zählen, gehört zu den Entdeckern der Boden- oder Froschperspektive, wie sie m grösserem Umfang als gestalterisches Mittel erst nach 1945 auftaucht, zunächst bei den Zeichnern des Comic-Strip, dann auch bei den Photo-Realisten oder bei Malern wie Mel Ramos und Andrew Wyeth, zu dem es einige tiefer liegende Parallelen gibt. Das 1933 entstandene Ölgemälde Circc zeigt einen weiteren, für Müllers Werk typischen Aspekt: den „Weitwinkeleffekt“; für gewöhnlich kann man diesen Effekt nur durch ein Kameraauge wahrnehmen, als Konstruktionselement in dem oben genannten Gemälde bewirkt es jedoch, dass jenes phantastische Stelldichein von Eber, Känguruh, Dachs, vier Apfelsinen, einem Seidentuch und einem bewaffneten Rückenakt auf einem alten römischen Mosaik auch in der Perspektive Phantastisches evoziert. Auch das 1926 entstandene GemäldeFuchs im Hühnerbof vermittelt bereits diesen Weitwinkeleffekt, kombiniert mit der Bodenperspektive einer unnatürlichen „Nähe“ zum Bildgegenstand, "wie man sie nur aus der Makro-photographie kennt und die als ein deutlicher Vorgriff auf den Photorealismus angesehen werden müsste. Auffallend sind die Unterschiede in Thematik und Hintergrundgestaltung zwischen Müllers gemaltem und radiertem OEuvre; Skurrilität und Phantastik sind geradezubestimmend für das graphische Werk, in den gemalten Arbeiten hingegen taucht beides nur als Moment auf, es "schwingt" nur mit. Dieses für viele Künstler der Phantastischen Malerei typische Merkmal findet man auch bei Klinger, Rops und Dore wieder. Auch Hanns Theodor Flemming weist auf diesen Sachverhalt bei Müller hin, wenn er sagt, dass sich dem, der besonders die Radierungen von Müller betrachtet „. . .unvermutet ein phantastischer oft surreal erscheinender Bildkosmos voll seltsamer körperlicher Konfrontationen, psychischer Abgründe und sensueller Bezüglichkeiten öffnet“.


 

 

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