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(eigentlich: Meile
Johannes Oldeboerrigter; *27. 5. 1908 Amsterdam-Wittenburg, T 1976
Amsterdam)
Wenn es einen niederländischen Maler gibt, der im 20. Jahrhundert wieder an
die Tradition des Bosch angeknüpft hat, dann ist es der Autodidakt Meile,
dessen Werk erst spät bekannt wurde. Meile, der aus einer Arbeiterfamilie
stammt und in seinem Denken von der anarchistischen Haltung seines Vaters
beeinflusst wurde, erhielt an der Grafische School in Amsterdam eine
Ausbildung als Typograph (1920- 1923). In den Jahren 1923 bis 1945 arbeitete
er als Typograph bei verschiedenen Druckereien, unter anderem auch bei der „Arbeidcrspers“.
Obgleich er seit seiner frühesten Jugend wie besessen zeichnete und
Aquarelle anfertigte, schrieb Meile über seine Entwicklung als Maler: „Meile
Johannes Oldeboerrigtcr begann 193$ offiziell mit dem Zeichnen, 1940 mit dem
Malen.“ Zwischen 1945 und 1953 arbeitete er als freischaffender Künstler,
ohne von offizieller Seite Anerkennung und Unterstützung zu finden. Danach
nahm er eine Dozentur für Typographie an der Gerrit Rietveld Academie in
Amsterdam an, während er ab 1967 an derselben Schule auch im Malen
unterrichtete. Erst um 1965 gelang ihm der Durchbruch, und seitdem machte
eine Reihe von Ausstellungen - vor allem die grosse Übersichtsausstellung im
Stedelijk Museum (Amsterdam 1972) - sein Werk einer breiten Öffentlichkeit
bekannt.
Meile gehört zu den Erzählern unter den Malern; seine oft nicht sehr
grossformatigen, mit äusserster Präzision gemalten Bilder sind in der Regel
aufgebaut aus einer Reihe miteinander scheinbar grell kontrastierender, aber
in Wirklichkeit dialektisch sich ergänzender Szenen, deren visionäre Gewalt
den Rahmen zu sprengen droht. Ein überraschendes Nebeneinander und
Durcheinander, das sich um die traditionellen Gesetze der Perspektive nicht
im geringsten kümmert, verwirrt beim ersten Anblick den Betrachter, eine
Verwirrung, die noch durch die in den verschiedensten Verwandlungen
auftretenden männlichen Geschlechtsorgane, die Meile zu bizarren, oft auch
belustigenden Lebewesen umformt, gesteigert wird. Gerade dieser Aspekt
brachte Meile in den Ruf eines „obszönen“ Malers und gab Anlass zu dem
grossen Interesse, das Psychiater an seinem Werk bekunden. Neben
bedrohlichen Monstren, Fischen, die am Himmel vorüberschweben, Fröschen und
Ratten, tauchen immer wieder Amsterdamer Stadtfragmente und Landschaften
auf, : die in ihrer Lieblichkeit und Ruhe den grössten Kontrast zu dem
wimmelnden, sich hektisch verwandelnden menschlichen und tierischen Leben
bilden. Immer wieder hat Meile sich auch selbst in seine Visionen
hineingebracht, oft nur als distanziert und wissend schauendes Augenpaar.
Über das Entstehen seiner Bilder sagte Meile 1972 in einem Gespräch mit
Ischa Meijer: „Ja, es sind Visionen. Ich sehe sie, bevor ich anfange zu
malen. Nicht das ganze, Teile nur. Stellen. Es ist damit wie mit dem
Menschen in einer Stadt: Individuen, jedes für sich, aber zusammen bilden
sie die Bevölkerung. Es gehört alles zusammen, nicht einen Teil könnte man
wegdenken. Dennoch male ich nicht nach einem Plan.“ Eine
gesellschaftskritische Note wird in vielen Bildern deutlich, wie in Die
richterliche Macht (1970), während Humor das Grauen mildert, ohne es
allerdings zu verharmlosen. |