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Surrealismus, phantastische Malerei
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Magischer Realismus

Als der Kunsthistoriker Franz Roh 1925 sein Buch „Nach-Expressionismus Magischer Realismus“ veröffentlichte, hatte er für jene Gruppe von Malern, die nach den Exzessen des Expressionismus einen neuen Realismus anstrebten und die man auch als die Maler der „Neuen Sachlichkeit“ bezeichnete, eine recht glückliche Charakterisierung gefunden. Denn zumindest bei einigen dieser Maler bedeutete dieser Versuch, sich nach den Extasen einer als nicht mehr zeitgemäss empfundenen Stilrichtung, nach den Erschütterungen des Krieges, die eine Abkehr vom Pathos bewirkten, sich wieder der Realität auch der einfachsten Dinge, der alltäglichsten Umwelt zu versichern, ein Erlebnis, das die Grenzen des Realismus sprengte. In der Technik findet eine Rückkehr zu der Präzision der alten Meister statt, und gerade diese Überg4nauigkeit verleiht den Bildern ihre magische Wirkung, die einen beklemmenden, aber auch einen lyrisch-verzaubernden Charakter haben kann. Obwohl die meisten Vertreter der neuen Richtung tatsächlich besser unter dem Stichwort „Neue Sachlichkeit“ subsumiert werden, weil ihren Bildern diese zusätzliche Dimension fehlt und sie m den Grenzen des reinen Abbildens (m der satirischen Oberzeichnung oder im sozial-kritischen Engagement) verbleiben, dürfte der Begriff „Magischer Realismus“ mit vollem Recht auf Radziwill, Carl Grossberg und die späteren Arbeiten von Rudolf Schlichter angewandt werden. Während Schlichter (1890-1955) nach einer anfänglichen Beteiligung am Dada-Abenteuer in Berlin Porträts und Landschaften im neuen, realistischen Stil malte, werden vor allem in seinen Bildern aus den 30er Jahren über diesen Realismus hinausgehende Tendenzen sichtbar, die ihn später in die Nähe des Surrealismus führen. Sein Ölbild Blinde Gewalt dafür ein frühes, eindrucksvolles Beispiel.
Auch bei Radziwill verliert die abgebildete Realität ihre Harmlosigkeit. Von dieser Welt der Häfen, der Ozeandampfer und der Flugzeuge geht eine heimliche Bedrohung aus, die schwer näher zu bestimmen ist. Grossberg (1894-1940) ist in seinen Bildern der Faszination der Technik, der Maschinen und Fabrikhallen ausgeliefert. In seinen gelungensten Bildern werden sie fast zu abstrakten, labyrinthischen Gebilden, die eine kühle Verführung ausstrahlen. Manchmal, wie in Traumbild: Maschinensaal (1925), haben Fledermäuse oder gespenstische Affen von den leeren Hallen Besitz ergriffen. Es wäre nicht verfehlt, in Grossberg einen der Vorläufer Klaphecks zu sehen.
In den 30er Jahren machten in den Niederlanden einige junge Maler von sich reden, in deren Werken man ähnliche Tendenzen wie bei ihren deutschen Kollegen feststellen konnte. Auch sie wurden von der Kritik als magische Realisten bezeichnet. Neben Willink, dessen bestürzende Architekturbilder schon fast eine niederländische Spielart des Surrealismus darstellen, wurden vor allem Raoul Hynckes (1893-1973) und Pyke Koch (geb. 1901) bekannt. Hynckes hat sich in seiner wichtigsten Periode, die etwa zwischen 1933 und 1940 lag, fast ausschliesslich auf das Stilleben konzentriert, das er aber, auch mit Hilfe von -“-Trompe l’oeuil-Effekten und in der bizarren Zusammenstellung von Schädeln, rostigen Nägeln, faulendem Holz zu höchst persönlichen Vanitas-Darstellungen benutzte. Das Werk Kochs lässt sich weniger eindeutig festlegen: Jahrmarktszenen und Porträts stehen neben merkwürdigen Bildern wie Nocturne (1930), auf dem ein von innen hell leuchtendes Urinoir sich wie ein Tempel erhebt. Vor allem Koch und Willink waren die grossen Vorbilder einer neuen niederländischen Tradition der Feinmalerei (Meta-Realisten). Bei Willink wird übrigens wie bei manchen deutschen Vertretern dieser Richtung die Beziehung zur pittura metafisica de Chiricos deutlich.
Auch in Amerika wirkten die Maler des Magischen Realismus nach und fanden ihre wohl faszinierendste Wetterführung im Werk des in Europa noch wenig bekannten Andrew Wyeth (geb. 1917), dessen Beliebtheit in den USA allerdings gross ist. Die Tempera-Bilder des Amerikaners könnte man fast als eine Apotheose des Magischen Realismus sehen. In ihren gedämpften Farben, bei denen Braun, Grau und ein verwaschenes Grün bevorzugt werden, strahlen diese verlassenen Landschaften, diese leeren Geräteschuppen und einsamen Farmhäuser eine unsägliche Melancholie aus. Während er in frühen Bildern, wie dem grossartigen Selbstbildnis Das Gespenst (1949) oder Christinas Welt (1948) seinen Kompositionen noch eine bewusst symbolische Deutung verleiht, verzichtet er später weitgehend darauf, ohne an Intensität einzubüssen.
Es besteht eine deutliche Verwandtschaft zwischen Wyeth und einigen der wichtigsten Vertretern des kanadischen sogenannten „High Realism“, von denen Alex Colville (geb. 1920) am bekanntesten wurde. Seine nach genauen mathematischen Berechnungen aufgebauten Bilder vermitteln dem Betrachter das Geheimnis und die Schwermut einer Welt, in der der Mensch nicht wirklich zu Hause ist. Sein Bild Pazifik (1967) dürfte ein Höhepunkt der Malerei der 60cr Jahre sein. Ken Danby (geb. 1940) steht den amerikanischen Photorealisten näher, aber ein Bild wie Motel (1972) löst, trotz oder gerade wegen der Banalität der dargestellten Gegenstände, die alle noch auf den Menschen hinweisen, der nicht mehr da ist, eine ähnliche Wirkung aus wie manche Bilder des Italieners Gnoli. Die Tendenz zur Reduktion, die man auch bei Colville spürt, wird noch deutlicher bei ChristopherPratt (geb. 193;)- Sei Ölbild Institution (1973) zeigt Ausschnitte zweier Gebäude vor einem sich subtil verändernden blauen Himmel. Es strahlt jenen Zauber der Leere aus, die auch für die Geschichten des Science-Fiction Autors J. G. Ballard charakteristisch sind.
Viele europäische Maler vertreten heute Auffassungen, die in der Tradition des Magischen Realismus zu sehen sind. Man könnte an die eleganten Architekturphantasien des Belgiers Bogaert denken oder auch an die doch so völlig verschiedenen Maler der Gruppe ZEBRA aus Hamburg, insbesondere an Dieter Asmus (geb. 1939) und Peter Nagel (geb. 1941). Ja, es wäre durchaus vertretbar, den Magischen Realismus als eine Konstante der Phantastischen Malerei zu sehen, die zu einer anderen Konstante, dem phantastischen Realismus, in einem Komplementärverhältnis steht.


 

 

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