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Surrealismus, phantastische Malerei
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Leonardo da Vinci

(* 15. 4. 1452 Vinci/Toskana, T 2. 5. 1519 Cloux/Amboise bei Tours)
Geboren in der Mitte eines ereignisreichen Jahrhunderts, das unter anderem Persönlichkeiten wie Kolumbus, Dürer, Thomas Morus, Luther und Machiavelli hervorbrachte, sollte Leonardo schon bald zu den wenigen zählen, an denen sich die Geistesgeschichte der Menschheit orientieren würde. Sein überragender Ruhm gründet sich auf die Universalität eines Denkens und Schaffens, die es in diesem Ausmass bis dahin noch nicht gegeben hatte und sich bis heute nicht wiederholte. Dies mag einige Gelehrte dazu veranlasst haben zu erklären, dass ein derartiger Geist nur alle 1000 Jahre einmal geboren werde.
Kunst und Wissenschaft standen bei Leonardo, dem „Nichtgelehrten“, in einer symbiotischen Beziehung: Das eine diente dem anderen als Ausgangspunkt für eine sich über die Grenzen des spätmittelalterlichen Denkens weit hinausbewegende Phantasie. Mit dem misstrauischen und furchtsamen Genius Leonardo da Vinci, der die Einsamkeit suchte, weil sie für ihn die Voraussetzung allen kreativen Denkens war, beginnt die Emanzipation des Verstandes gegenüber der Macht der Herrschenden. Der Vater Leonardos, Ser Piero, entstammte einer angesehenen Florentiner Familie, die seit Jahrhunderten den Beruf des Notars ausübte; 1466 gibt er den 14jährigen Leonardo in die Werkstatt des Andrea del Verrocchio, bei dem er die von der Gilde vorgeschriebene sechsjährige Lehrzeit absolvieren soll. In der Werkstatt, in der fast alle Aufträge für „künstlerische Arbeiten“ von der Glockengiesserei, Bildhauerei, Malerei bis zur Bauzeichnerei ausgeführt wurden, arbeiteten, neben anderen, noch Lorenzo di Credi und der etwas ältere Pietro Perugino. „Auch mit der Mathematik, der Perspektive, der entdeckten Zauberkunst und Alchimie der Linien“, wie Richard Friedenthal schreibt, „beschäftigte man sich bei Verrocchio“; darüber hinaus wurde das Lautenspiel geübt und das Singen von Madrigalen. Als Leonardo, der mit der linken Hand schrieb und mit der rechten malte, die Werkstatt 1472 verliess, um als Maler in die St. Lukasgilde aufgenommen zu werden, verfügte er schon, in bezug auf Theorie und Handwerk, über selbst für die damalige Zeit aussergewöhnliche Kenntnisse. Leonardo blieb bis 1477 bei Verrocchio, beschäftigte sich mit Geologie, Hydrologie und Optik und bewarb sich 1481 an den Hof der Sforza nach Mailand, wo ihm, der 1473 die erste Landschaft der abendländischen Malerei - 1478 die Madonna mit der Nelke und das Porträt der Ginerva Benci (1478-1480) - gemalt hatte, der Auftrag für ein monumentales Reiterstandbild in Bronze erteilt wurde, das ihn 12 Jahre lang beschäftigen sollte, ohne dass es verwirklicht werden konnte. Während des ersten Mailänder Aufenthaltes (1482-1499) entstanden eine Reihe von Arbeiten, wie die Felsgrottenmadonna (um 1483), die Dame mit dem Hermelin (um 1485) und das grosse Wandgemälde des Abendmahls (1495-1498), die seinen Ruf als Maler unter seinen Zeitgenossen hauptsächlich begründeten. Im Jahre 1498, als Leonardo das Abendmahl vollendete, schuf er auch das neben der „Nachtwache“ von Rembrandt wohl berühmteste Gemälde: die Mona Lisa. In Mailand setzte Leonardo auch seine wissenschaftlichen Studien fort, plante einen Traktat über die Malerei, über die Baukunst und über die Mechanik; er entwickelte ein eigenes graphisches Darstellungsprinzip für wissenschaftliche Zwecke (Anatomie, Topographie, Zoologie und Botanik) und verfertigte in lausenden von Zeichnungen ein „Kompendium des anschaulichen Wissens“. Nach seinem zweiten Aufenthalt in Mailand (1507-1513) begab er sich nach Rom und später dann (1516), zusammen mit Francesco Melzi, nach Cloux, wohin ihn der französische König Franz I. eingeladen hatte; dort untersuchte und beschrieb Leonardo die den „Naturgewalten“ wie dem „unbeseelten Kosmos“ zugrundeliegenden mechanisch-funktionellen Urgesetze. „Ihre letzte ergreifende Manifestation“, formuliert Ludwig H. Heydenreich, „fand diese anschauliche Kosmologie in seinen berühmten Sintflut-Blättern, einer Serie von Zeichnungen, die den Untergang der Welt zum Thema haben Die Dimension des Phantastischen kommt nicht nur in Leonardos Gemälden oder phantastischen - Landschaften zum Ausdruck, sondern ist kennzeichnend für sein gesamtes Schaffen und Denken, das aus der Sicht des beginnenden 16. Jahrhunderts weitgehendst als „utopistisch“ verstanden wurde.Realität definierte sich für Leonardo durch das Sehen: Die Fähigkeit des Sehens bestimmte die Qualität des „Erkennens“ von Realität. Und in der Weiterung hiess dies, dass theoretisches Erkennen (Mechanik, Hydrologie oder Optik), umgesetzt in die Praxis - zur Illustration dieses Prozesses des Sichtbarmachens von Vorstellungen entstanden jene präzisen Konstruktionszeichnungen der kriegstechnischen Geräte, usw. -, eine neue Realität schaffen müsste. Dies scheiterte zum grossen Teil lediglich an den fehlenden finanziellen Möglichkeiten seiner Zeit. Viele seiner Entwürfe wurden vor wenigen Jahren in „natürlichen“ Materialien (wie Leder, Eisen und Holz) ausgeführt und belegen, dass einstige Phantasmagorien Jahrhunderte später sehr wohl Wirklichkeit werden können. Und dies wiederum dokumentiert, dass Phantastik nicht nur abhängig ist von Wirklichkeiten, von denen sie sich entfernt, sondern Wirklichkeiten schafft, wenn sie sich deren umsetzbaren Möglichkeiten nähert.


 

 

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