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Landschaft, phantastische |
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Seit wir von der Entstehung einer Landschaftsmalerei im heutigen Sinne sprechen können, deren Anfänge am Ende des 15. Jahrhunderts anzusiedeln sind (Leonardo da Vinci zeichnet 1473 das erste Landschaftsbild der abendländischen Malerei), ist bei vielen Malern eine Tendenz zu beobachten, gesehene, erinnerte oder vorgestellte Landschaften in der bildnerischen Darstellung phantastisch zu überhöhen. Sehr häufig bekommt die Landschaft symbolische Züge, wird im Einklang mit dem in ihr stattfindenden biblischen oder mythologischen Geschehen gebracht oder wird zu einer „idealen“ oder „heroischen“ Landschaft umgebildet. Die synthetische Landschaft, die nicht Abbild, sondern Sinnbild sein soll, ist eine Konstante der europäischen Landschaftsmalerei. Nachdem die idealisierend-geheimnisvollen Hintergrundlandschaften bei Giorgione (1478-1510) und die Dämonisierung der gesehenen Welt bei Bosch erste Möglichkeiten und Wege der phantastischen Landschaftsmalerei darbieten, werden diese bei einer folgenden Generation entwickelt und verfeinert. Neben Altdorfer und den Malern der Donauschule werden vor allem die Flamen Joachim Patinir (um 1475-1524) und der geheimnisvolle Henri met de Bles (um 1505 - nach 1555) für die Weiterentwicklung der Landschaft im Manierismus bedeutsam, die weitgehend eine phantastische ist. Die zerklüfteten Felsen und von Flüssen durchzogenen Ebenen der in mehreren Schichten aufgebauten Landschaft bei Patinir (Versuchung des Heiligen Antonius, Madrid, Prado) sind noch deutlich der Gotik verbunden, während bei Hern met de Bles das erzählende Element in den Hintergrund tritt. Bei Jan van Scorel (1495-1562) machen sich Einflüsse der italienischen Renaissance bemerkbar, wie m seiner Landschaft mit Bathseba am Brunnen, die heute im Rijksmuseum, Amsterdam, hängt. Diese italienisierenden Tendenzen bestimmen auch das Werk der Brüder Matthijs Cock (um 1510-1548) und Hieronymus Cock (gest. 1570). Letzterer war Stecher und Verleger, und einige seiner Radierungen, die möglicherweise nach Vorlagen seines Bruders entstanden, gehören zu den faszinierenden Höhepunkten der phantastischen Landschaftsmalerei im 16. Jahrhundert. Die Landschaften, in denen sich die Tragödie des ertrinkenden Leanders oder die Verwandlung Daphnes abspielen, sind nicht mehr nur stimmungsreiche Staffage, sie selbst haben sich auf eine unheimliche Weise belebt und verselbständigt. Von hier ist es nicht mehr weit zu den fratzenhaft verzerrten, „zusammengesetzten“ oder „antropomorphen“ Landschaften de Mompers. Auch bei Bruegel werden die Anregungen Patinirs aufgegriffen und zu höchster Vollendung geführt in dem Sturz des Ikarus (vgl. Einleitung). Phantastisch zerklüftete Gebirgslandschaften sind die Spezialität des Flamen Lucas van Valkenborgh (um 1540-1597). Ober das Bild Landschaft mit der Flucht des Lot (ein beliebtes Thema der Malerei dieser Zeit; vgl. Einleitung) seines Antwerpener Kollegen Gillis Mo-staert (1535-1598) schreibt H. G. Franz: „Der breite Stromlauf beherrscht die Landschaft und gibt dem Bild einen Eindruck des Elementaren, der noch durch die Gewalt der Feuerbrünste gesteigert wird, die sich vor dem dunklen Nachthimmel entfalten, halb verdeckt durch die Hügelzunge, die sich vom linken Bildrand her gegen den Strom vorschiebt. Auch der jähe Kontrast von tiefem Dunkel und glühendem, hell leuchtendem Hintergrund gibt dem Bild etwas unheimlich Grossartiges.“ Bei dem in Italien arbeitenden Flamen Paolo Fiammingo (eigentlich: Pauwels Franck, 1540-1596) verbindet sich das Interesse an visionärer Landschaftsdarstellung mit der typisch manieristischen Vorliebe für erotische Ambivalenz. In der ihm zugeschriebenen Landschaft mit mythologischen Figuren, heute in der National Gallery, London, zeigt der Bildvordergrund, wie ein junger Mann eine nackte Frau umarmt, deren Körper in den Leib einer Schlange überzugehen scheint, die sich um die Beine des Mannes schlingt. Vorbildlich wurden die Bilder des Gillis van Coninxloo (1544-1606) und des Paulus Bril (1554-1626), die sowohl auf Elsheimer wie auf die niederländischen „Italianisten“ um Cornehs van Poelenburgh (zwischen 1586 und 1595-1667) wirken sollten (vgl. Einleitung). Die Bilder Els-heimers, von dem Ulrich Christoffel in seinem „Buch der Maler“ (1947) sagte, dass er über die Jahrhunderte Caspar David Friedrich die Hand reiche, sind von einem unirdischen Frieden erfüllt, und in ihrer schon fast romantisch zu nennenden Art sind sie einer der wesentlichsten Einflüsse auf die Weiterentwicklung der Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert. Eine einmalige Sonderstellung im Zeitalter des Manierismus nimmt El Greco (1541-1614; vgl. Einleitung) ein. Sein fieberhaft-gespenstischer Blick auf Toledo (1604-1614) ist mit keiner anderen Landschaftsdarstellung vergleichbar. Die niederländischen „Italianisten“ regten Claude Lorrain (1600-1682) und Nicolas Poussin (1594-1665) zu ihrer Konzeption einer klassizistisch gesehenen Landschaft an, deren zu geordneter Charakter dem Phantastischen jedoch im Wege steht (vgl. Einleitung). Auch die unzähligen Landschaftsmaler in den Niederlanden sind im 17. Jahrhundert der phantastischen Überhöhung des Gesehenen eher abgeneigt. Eine Ausnahme bildet Hercules Seghers ( um 1585 - um 1645), der in seinen Gebirgslandschaften eine Stimmung düsterer Schwermut entstehen lässt, während seine bizarr ins Bild ragenden Äste manchmal an die Stilisierungen japanischer Zeichenkunst denken lassen. Jacob van Ruisdael (1628-1682) nimmt viele Elemente der romantischen Landschaftskunst, besonders in England, vorweg. In Nacht- und Gewitterszenen erreicht er eine emotionale Intensität, die wir bei seinen Zeitgenossen vermissen; in dem Judenkirchhof wird dies besonders deutlich. Einen ähnlich starken Einfluss übten die wildbewegten Szenen Salvator Rosas (1615- 1673), der eine Vorliebe für die Darstellung von Hexenszenen hatte, auf die Romantiker aus (vgl. Einleitung). Eine Vermittlerfunktion zwischen diesen grossen Künstlern des 17. Jahrhunderts und der Romantik nimmt vor allem Claude Joseph Vernet (1724-1789) ein, der sich gleichfalls auf Nacht- und Gewitterstimmungen konzentrierte. Während die englische Landschafts-malerei, die auf die Niederländer des 17. Jahrhunderts zurückgreift, zuerst der Phantastik entsagt, wird sie im 19. Jahrhundert das Phantastische als eine wichtige Komponente romantischer Sicht auf die Landschaft entdecken. Sowohl bei Philip James de Loutherbourg (1740 bis 1822), wie bei Martin und Francis Danby (1793-1861; vgl. Einleitung) entsteht eine neue, wildbewegte Form der heroisch-phantastischen Landschaft, die sich mit Vorliebe der Schilderung gewaltiger Naturkatastrophen widmet. Höhepunkt und Überwindung dieser Richtung bilden die Landschaften Turners in dessen Werk realistische und phantastische Elemente zusammengehen. Bei Blake, Palmer und Edward Calvert (1799-1883) entsteht eine neue, bewusst „einfache“ Sicht auf die Landschaft, die immer wieder eine Art kindliches Paradies heraufzubeschwören scheint. Ihre Anregungen werden von den Präraffaeliten (vgl. Einleitung) wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Eine Abwendung von der realistischen Landschaft in der niederländischen Tradition bedeuten auch die Arbeiten Philipp Otto Runges (1777-1810) und Caspar David Friedrichs (1774-1840), dessen Mahnung an die Maler, „ihr leibliches Auge“ zu schliessen und nur mit dem inneren Auge zusehen, für die Entwicklung einer magisch-phantastischen Landschaftsmalerei bis hin zum - Symbolismus und zum Surrealismus gültig blieb. Die reinen Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts aber, wie Camille Corot und die Schule von Barbizon oder die sie bewundernden Impressionisten, setzten die realistische Tradition fort, während die phantastische Landschaft als eigenständiges Genre in den Hintergrund trat und bei den symbolistischen Malern wie Moreau oder Delville immer nur ein Element des Bildes ausmacht. Erst die Surrealisten fanden neue Formen, wie die verzauberten Strande des Tanguy und die dämonisch wuchernden Wälder Ernsts. Audi die sich an der pittura mctafisica eines de Chirico orientierenden Maler des Magischen Realismus entdeckten in ihren Darstellungen einer von der Technik durchsetzten und beherrschten Welt (Carl Grossberg, 1894-1940) oder in von einem nahenden Unheil bedrohten Stadtlandschaften (Willink) zeitgenössische Möglichkeiten einer phantastischen Landschaft, deren Vielfalt nach dem Zweiten Weltkrieg durch so unterschiedliche Maler wie Lehmden, Böckman, Bogaert oder Alex Colville (geb. 1920; Magischer Realismus) belegt werden kann. |
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