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Das aus dem Griechischen
stammende Wort (labyrinthos) bezeichnet zunächst ein Stollen- und
schächtereiches Bergwerk. Heute verstehen wir unter einem Labyrinth zumeist
eine aus verschlungenen Wegen oder Gängen bestehende Anlage, in der man auf
dem Weg zum Zentrum leicht den Überblick verlieren oder vom rechten Weg
abkommen kann. Das erste Labyrinth wird traditionsgemäss dem legendären
griechischen Baumeister Dädalus zugeschrieben, der es angeblich als
Behausung des sich im Zentrum befindenden Mi-notaurus auf der Insel Kreta in
Knossos gebaut hatte. Die Forschung hat aber auch auf ein altägyptisches
Beispiel aus der 12. Dynastie (1842-1797 v.Chr.) hingewiesen.
Dass das Labyrinth von Anfang an nicht nur einen praktischen oder
spielerischen Nutzen erfüllte, sondern auch als ein Abbild des
geheimnisvoll-verschlungenen Lebensweges des Menschen angesehen wurde, ist
wahrscheinlich. Es ist gerade diese symbolische Bedeutung, die dem Labyrinth
seine Faszination verleiht. Während bei den älteren Labyrinthen, ob es sich
hier nun um steinerne Bauten, Heckenlabyrinthe oder solche, die im Fussboden
von Kathedralen eingelegt sind, handelt, der Weg vom Eingang bis zum Zentrum
zwar kompliziert, aber eindeutig verläuft („einläufige Labyrinthe“),
entsteht in der Zeit des Manierismus eine neue Form: das „vielläufige
Labyrinth“. Jetzt gibt es nicht mehr nur einen Weg, sondern es existieren
Irrwege, die sich als Sackgassen erweisen können, zum Ausgangspunkt
zurückführen oder sich im Kreise drehen. Der Lebensweg des Menschen hat
seine Eindeutigkeit verloren, das Labyrinth bekommt unheimliche Züge: Es
führt von nun an immer deutlicher die wachsende Unüberschaubarkeit . der
Welt und das Verlorensein des Menschen in ihr vor Augen. Die Metapher der
labyrinthischen Welt wird literarisch 1623 von Johannes Amos Comemus
(1592-1670) in seiner satirischen Allegorie „Labyrinth der Welt“
verarbeitet. Aus dieser neuen manieristischen Auffassung des Irrgartens
entwickelte sich im 18. Jahrhundert bei -“ Pi-ranesi das „labyrinthische
Prinzip“ zu einer Grundhaltung des Phantastischen. Die von seinen imaginären
Gefängnissen hervorgerufene Klaustrophobie wird von da an als eine typische
Eigenheit des Labyrinthischen in der Kunst .und in der Literatur empfunden
werden. Lars Gustafsson formulierte: „In Piranesis Folge von Stichen ist der
allenthalben vorherrschende Faktor das Interieur. Wir befinden uns drinnen,
weil wir uns in einem topologischen Raum befinden, der nichts anderes als
Drinnen erlaubt. Das ist sein Wesen. Räume sind etwas Labyrinthisches, etwas
Einschliessendes.
In Gustav René Hockes Studie zur Manier und Manie in der europäischen Kunst,
„Die Welt als Labyrinth“ (1957), bildet die Labyrinth-Metapher den
Ariadne-Faden in einer gründlichen Untersuchung des Wesens der Kunst des
Manierismus und des Surrealismus. Knapp 10 Jahre später wurde eine
Ausstellung von Phantastischer Kunst aus vier Jahrhunderten in Berlin
„Labyrinthe“ genannt (1966). Das Labyrinth kann als eine der Grundideen der
Malerei so verschiedener Künstler unserer Zeit wie Clerici und Johannes
Gachnang (geb. 1939) angesehen werden, dessen Radierungen wie Grundmuster
nie erbauter Irrgärten wirken. Im Labyrinth findet die moderne Phantastik
eine ihrer wesentlichsten Metaphern. |