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(*9. 3. 1905 Douai)
Als Labisse 1923 in Oostende, wo er sich inzwischen als Schüler der
Fischereischule niedergelassen hatte, - Ensor kennenlernte, freundete er
sich schon bald mit dem berühmten flämischen Maler an, dessen phantastische
Maskenbilder ihn sehr beeindruckten. Ensor riet ihm auch, sich der Malerei
zu widmen; er befolgte den Rat, und schon 1928 hatte er eine Ausstellung in
Oostende. Während er in den frühen Bildern aus den Jahren zwischen 1929 und
1940 noch die verschiedensten Einflüsse verarbeitet, findet Labisse von da
an zu einem immer persönlicheren Stil. Ohne je offiziell zu den Surrealisten
zu gehören, wurde er von der Kritik bald zu ihnen gerechnet. Er freundete
sich vor allem mit seinen belgischen Kollegen Magritte und Delvaux und mit
Dali an. Es ist auch in seiner Malerei eine deutliche Verwandtschaft mit
diesen drei Freunden festzustellen, aber es fehlt den Bildern Labisses
sowohl die traumhafte Poetik Delvaux', als auch die beklemmende Intensität
der Bildfindungen Dalis. Ein Bild wie Der Traum Ludwig des 13. oder die
Schöne Märtyrerin (1957) macht das besonders deutlich. Das Arrangement der
nackten, von einem Pfeil unter der linken Brust getroffenen Frau in einer
mit seltsamen roten Steinblöcken bedeckten Wüstenlandschaft, vor einem
blauen Himmel, durch das ein malerisch gefaltetes rosa Tuch schwebt, wirkt
in seiner dekorativen Glätte nur gefällig. Dali ist hier in brillantes
Kunstgewerbe verwandelt worden. Es braucht deshalb nicht zu verwundern, dass
Labisse sich auch einen grossen Namen als Bühnenbildner und Dekorateur
erwarb: Die ornamentalen, illustrativen Werte seiner Malerei verdrängen ihre
Aussage. Das Motiv der nackten Frau kehrt in unzähligen Abwandlungen wieder;
vor allem berühmt und fast zum "Markenzeichen" Labisses wurden die
exotischen blauen Frauen: Einen Höhepunkt dieser als eine Hommage an den von
Labisse sehr bewunderten Ingres zu verstehenden Serie ist das 1968
entstandene Türkische Bad, das sich in seiner Komposition direkt an das
Alterswerk Ingres', „Das türkische Bad“, anlehnt. Der Erzähler Andre Pieyre
de Mandiargues, dessen phantastisch-erotische Novellen der Welt des Flamen
sehr nahestehen, schreibt über Labisse: „In dieser Malerei wird nicht auf
den Automatismus zurückgegriffen; hier übertrifft der Anteil des Bewussten
weit den des Unbewussten. Alles in einem Gemälde von Labisse ist deutlich,
klar, wie in der Betrachtung eines Mannes mit guten Augen, zur Mittagszeit,
bei trockenem Wetter.“ (Im Labisse-Katalog, 1973) |