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(*1929 Fall River/Massachusctts)
Der magische Photorealismus Kanovitz' steht in unmittelbarer Beziehung zu
den beiden Spaniern Antonio Lopez-Garcia und Franzisco Lopez, zu dem
Amerikaner Wesselmann und dem österreichischen - trompe-l'oeil-Manierismus
eines Alfred Hofkunst. Kanovitz' Bilder sind eine Art Kombination jener
durch die benannten Künstler vertretenen Reflexionsebenen, verbunden mit
einer an Masaccio und Edouard Manet orientierten Auffassung vom Bildaufbau
mit „weiten, planen und monochromen Farbflächen“, wie Siegfried Salzmann
betont, und der „häufig wiederkehrenden Verwendung von linearen
Gittermustern“, zumindest in seinen frühen Werken.
Kanovitz studierte von 1949 bis 1951 an der School of Design in Rhode
Island. Er arbeitete an verschiedenen Filmprojekten mit und wurde
schliesslich Schüler von Franz Klimt. 1956 geht er für zwei Jahre nach
Europa, besucht Florenz und ist fasziniert von den Fresken Masaccios, die
einen entscheidenden Einfluss auf ihn ausüben. Als er 1959 wieder nach New
York zurückkehrt, versucht er zunächst, seinen von Kline beeinflussten „abstract
expressionism“ mit figurativen Elementen zu vereinigen. 1961 bekommt
Kanovitz einen Lehrauftrag für Malerei am Brooklyn College und später am
Pratt Institut in New York. Ab 1963, nach längerer Auseinandersetzung mit
den Verwendungsmöglichkeiten der Photographie für maltechnische Zwecke,
bedient er sich photographischer Vorlagen, die er zu „Bildern“ arrangiert,
die jedoch, wie er sagt, in jenem Stadium „eher symbolisch als realistisch“
wurden. 1964 setzt er zum ersten Mal auch den Projektor als Hilfsmittel ein;
1967 folgen Spritzpistole und Schablone: Kanovitz eignet sich die
Fertigkeiten der Photorealisten an. Seine kurze Zeit später entstehenden
Environments, die eine Kombination von isolierten Formen, cut-outs, unter
Anwendung von trompe-l’oeil-Techniken und „realem“ Raum darstellen, bieten
eine bis dahin nicht gekannte Form von „Wirklichkeits- Veränderung“.
Kanovitz' Bilder nach 1969 reflektieren die Wirklichkeit eines Magritte (die
Reflexion einer Reflexion), sie sind nicht mehr Abbild einer Realität,
sondern nur noch ihr x-beliebiger Ausschnitt, den man auch in Zeitschriften,
Illustrierten und in selbst hergestellten Polaroid-Photos findet; ein erster
Schritt. Kanovitz' zweiter Schritt ist die Einbettung dieser „kleinen
Arrangements“ in ein grösseres, das wiederum Teil eines noch grösseren
Arrangements ist, wie bei Sechs Möglichkeiten (1971), dessen Grenzen vom
Bildrand bestimmt werden, oder durch die m den Raum des Kunstbetrachters
hinausgezogene „Kunstfigur“ (cut-out), die dann ihrerseits, gleichberechtigt
neben dem Betrachter, Teil des Bildes und des Rezeptionsvorganges ist wie
bei Collector's Wall (1970). In diesem Sinne ist eine Figur oder ein Gesicht
nicht länger nur ein Gesicht, sondern ein Gesichtphoto, ein
Prospektgesichtphoto, ein Prospektgesichtphotogemälde, mit Schablonenrahmen
und im Raum stehendem Bezugspunkt, wie man in Anspielung auf Peter Sagers
Definition („Eine Rose ist ein Rosenphoto“) des Kanovitzschen Realismus
sagen könnte. Seine Malerei ist ähnlich dem Spiegel des Escher, in dem sich
der Betrachter, malenderweise, sieht und malt: Dies ergibt in seinen
Weiterungen keine "neue" Realität, sondern entlarvt die Realität als
cartesische Illusion.
Die Zuordnung der Malerei Kanovitz' zur Phantastik ergibt sich, wie bei Tom
Wesselmann, daraus, dass hier die zweidimensionale Realitätsebene, Bild und
Bildgegenstand, verlassen und in Beziehung gesetzt wird zur davon
divergierenden, dreidimensionalen Realitätsebene „Raum“ oder
Betrachter-Blickfeld (was Kanovitz durch die vom Bild losgelöste „Repoussoirfiguren“
erreicht, wie bei Cleo's Ausblick, 1968). Daneben gibt es eine Reihe von
zweidimensionalen Bildern, von Venetian Blind Window bis Composition, die
unzweifelhaft der Phantastischen Malerei zugeordnet werden müssen.
Khnopff, Fernand (* 12. 9. 1818 Schloss Grembergen, T 12. 11. 1921 Brüssel)
Der Roman „Bruges-la-Morte“ (Das tote Brügge) des belgischen Dichters
Georges Rodenbach, der 1892 mit einem Titelblatt Khnopffs erschien, gehört
zu den Hauptwerken eines phantastischen Symbolismus, so wie wir ihm auch in
den Theaterstücken und Erzählungen des anderen berühmten Belgiers, Maurice
Maeterlinck, begegnen. Die tote Stadt Brügge, in der Khnopff seine
wohlbehütete Kindheit verbrachte, wird hier zu einem Symbol des dem Leben
abgewandten, künstlichen Daseins. Diese Haltung bestimmt auch das OEuvre
Khnopffs, der nach einem Studium an der Academie in Brüssel 1877 nach Paris
zog und sich dort von den Bildern des Moreau begeistern liess. Eine starke
geistige Verwandtschaft verband ihn auch mit den englischen Präraffaeliten,
insbesondere mit Dante Gabriel Rossetti und Burne-Jones, deren Frauenideal
ihm entgegenkam. Die Frau als rätselvolle Sphinx, als Bedrohung und
Verführung zugleich, kehrt in den verschiedensten Variationen auf seinen
Aquarellen, Zeichnungen und Pastellen wieder, Techniken, die Khnopff dem
„eindeutigeren“ Ölbild vorzog. Sein favorisiertes Modell ist immer wieder
die eigene Schwester, mit der er in einem von ihm selbst entworfenen Haus in
einer Welt der erlesensten Kunstgegenstände zusammenwohnte. Der Hauch des
Inzests, der über der ganzen Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu
schweben scheint, wird auch im Werk und Leben Khnopffs sichtbar. Die
Weitabgewandtheit, das In-Sich-Beschlossensein gibt seinem Werk oft etwas
Klaustrophobisches, das manchmal auch von den in wartenden Haltungen
erstarrten Frauen empfunden wird. Der Titel einer Farbzeichnung aus dem
Jahre 1891 wird da zu einem Symbol: Who shall deliver me? (Wer wird mich
befreien). Die Verbindung zum Begründer des Salon de Rose-Croix, Josephin („Sär“)
Pela-dan, dieser Schlüssclfigur des Symbolismus, führte dazu, dass Khnopff
schon auf dem ersten Salon (1892) ausstellen konnte. Seine Mitarbeit an der
Zeitschrift „Studio“ machte ihn auch in dem von ihm geliebten England
bekannt. Es braucht nicht zu verwundern, dass die Nähe der Welt Khnopffs zum
Phantastischen in vielen Arbeiten deutlich wird (vgl. Einleitung), am
auffallendsten vielleicht in dem Pastell Erinnerungen (1889), das die
Gestalt der geliebten Schwester in siebenfacher Verdoppelung zeigt, und in
der Zeichnung Die verlassene Stadt (1904; Abb. 43): Dort überfluten
allmählich die scheinbar reglosen Wasser eines unirdischen Meeres die
letzten Häuser einer alten Stadt, in deren Baustil man Brügge wiedererkennen
kann. Es ist ein sanfter Untergang, in den subtilsten Grautönungen, adlig
und erlesen wie das Leben dieses anglophilen Belgiers, der vielleicht der
Grösste unter den Symbolisten war, gewiss aber der Zurückhaltendste.
Weitere Hauptwerke Die eingcschlafene Meduse, 1896; Die Kunst oder die
Liebkosung der Sphinx, 1896. |