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(* 30. 3. 1746
Fuentetodos, T 16. 4. 1828 Bordeaux)
Die Entwicklung Goyas als Maler scheint auf den ersten Blick aus zwei recht
gegensätzlichen Perioden zu bestehen. Während er in der ersten Phase, von
seiner Lehre in Saragossa bei José Euzân (1760-1764) bis zu seinen grossen
Erfolgen als Maler von idyllischen Teppichentwürfen für das Königliche
Teppichatelier und als Hofmaler des Königs (1789) sich nie zu weit von der
Tradition entfernt, geht er nach einer schweren Krankheit, die ihn fast
gänzlich taub macht (1792), völlig neue Wege. Allerdings hatte Goya in den
Bildnissen der Königsfamilie, "wie in dem Porträt Karls III. im Jagdkostüm
(1786-1788) gezeigt, dass sein illusionsloser Blick durch die glänzende
Oberfläche zu dringen vermochte: Die Königsfamilie, die den Maler
protegierte, wirkt auf den Betrachter wie eine Ansammlung von Degenerierten
und Halbirren. Auch in den Teppichentwürfen tauchen schon manchmal dunklere
Motive auf, die allerdings ' immer eine beschönigende, romantische Färbung
erhalten. Aber 1799 kündigt Goya das Erscheinen seiner ersten grossen
Graphik-Serie an: die Caprichos ( Capriccio). Die Platten schenkte er später
dem König, weil er befürchtete, dass sie sonst von der Inquisition
beschlagnahmt werden könnten. Das Motto der Serie, „Der Schlaf der Vernunft
gebiert Ungeheuer“, drückt sehr genau die Absicht aus, die Goya hier
verfolgt: Er, der sich in den Kreisen der Madrider Aufklärer heimisch
fühlte, stellte hier in teils satirischen, teils unheimlichen Szenen dar,
was geschieht, wenn im Menschen die kontrollierende Funktion der Ratio
wegfällt. Die beängstigenden Szenen wirken oft wie präzise Vorwegnahmen von
Freudschen Erkenntnissen; das Motto der Serie hätte auch der Psychoanalyse
zum Leitspruch dienen können. Das aneinandergekettete, wie verwachsen
wirkende Paar, das von einer Alptraumeule überragt wird (Kann uns niemand
befreiet!?), scheint das Qualvolle einer sexuellen Hörigkeit zu
symbolisieren.
Nach der Eroberung Spaniens durch Napoleon geht Goya noch einen Schritt
weiter in seiner Erforschung der Abgründe im Menschen. Die Serie Schrecken
des Krieges (1808-1813) nimmt jedoch in der Darstellung des Grauens nicht
mehr das Phantastische zuhilfe: Die exakte Darstellung der Wirklichkeit
übertrifft in ihrer Wirkung jedes Produkt der Phantasie. Im Falle Goya wird
erneut deutlich, dass die grossen phantastischen Maler zumeist
unbestechliche Realisten gewesen sind, ob sie nun Bosch, Bruegel oder
Piranesi hiessen. Als Vorstufe zu den Schreckcn können zwei kleine Ölbilder
aus der Zeit um 1800 gelten, die zum Grauenerregendsten gehören, was die
europäische Malerei hervorgebracht hat (die beiden kannibalistischen Szenen:
Das Menschenfleisch wird verteilt und Zufrieden mit der Beute). Die
zunehmende Verdunkelung von Goyas Weitsicht wird vor allem deutlich in den
sogenannten „Schwarzen Gemälden“, die er als Schmuck seines Landsitzes („Das
Haus des Tauben“) gemalt hat (1820-1823). Aus dieser Zeit stammt auch die
letzte Graphik-Serie Sprüche. Das Phantastische Traumbild, in dem ein
riesiges Menschenpaar eine Ebene überfliegt, die voller das Gewehr auf sie
richtender Soldaten ist, gibt die Tendenz des Spätwerks deutlich an: Es ist
unmöglich, die Freiheit zu erlangen, da die Bedrohungen bleiben werden. Der
wachsende Druck des wieder eingesetzten absolutistischen Regimes trieb Goya
schliesslich in die Verbannung nach Bordeaux, wo er ein paar Jahre später
starb. Wie kaum ein anderer Maler nach Bosch hat Goya die Entwicklung der
Phantastischen Malerei beeinflusst.
Weitere Hauptwerke Der grosse Bock, 1797-1798; Der Koloss oder: Die Panik,
1808-1812; Die Zeit oder die alten Frauen, 1810-1812; Der Hexen-sabbath,
1819-1823. |