|
(* 30.8.1918 Buenos
Aires)
Es ist kaum verfehlt, von einem Fall Leonor Fini zu sprechen, da die
Legenden und Anekdoten, die sich um die Person der Künstlerin ranken, die
Sicht auf die wirklichen Qualitäten ihres Werkes so sehr verstellt haben,
dass es heute kaum noch möglich ist, unbefangen zu urteilen. Nur bei Dali
und Leherb lässt sich eine ähnliche Mythenbildung feststellen.
Leonor Fini wuchs in Triest auf, der Stadt, aus der ihre Mutter stammte, und
ihr Biograph C. Je-lenski führt ihre spätere Entwicklung als Malerin nicht
zuletzt auf das „surrealistische“ Ambiente dieser Stadt zurück, in der der
Jugendstil noch lebendig war und James Joyce und Italo Svevo wirkten. Über
Mailand ging Fini dann 1935 nach Paris und bekam dort schon bald Kontakt zu
dem Kreis der Surrealisten, vor allem zu Ernst, Paul Eluard und Georges
Bataille. Die Faszination, die von ihrer Person ausging, wird durch
unzählige Dokumente, Hommagen und Gedichte belegt. Vor allem die
französischen Literaten von Andre Pieyre de Mandiargues bis Jean Genet und
Jacques Audiberti fanden Anregungen in ihrem Werk und m ihrer
nonkonformistischen Lebensweise. Ihr wie ein Museum des Jugendstil wirkendes
Haus wurde nach dem Krieg zu einem kulturellen Zentrum, wie es einmal die
Salons im 19. Jahrhundert waren.
Schon im ersten Pariser Jahr konnte Fini ihre Bilder ausstellen, und 1936
nahm sie an der Surrealisten-Ausstellung in den Burlington Galleries in
London teil. Der Erfolg blieb ihrem Werk bis heute treu, und unter den
phantastischen Malern der Gegenwart dürfte Leonor Fini eine der bekanntesten
Persönlichkeiten sein. In Finis Werk lassen sich die verschiedenartigsten
Einflüsse entdecken: Nicht nur die Maler des von ihr so geliebten
Jugendstils, vor allem Klimt, prägen ihre Auffassung von der Malerei, es
lässt sich auch eine tiefe Verwandtschaft mit dem Manierismus, insbesondere
mit der „Schule von Fontainebleau“, feststellen. Obwohl das Porträt eine
wichtige Stellung in ihrem Werk einnimmt, sind es vor allem ihre
Darstellungen geheimnisvoll schöner Frauen vor dem Hintergrund
phantastischer Landschaften, die sich in Auflösung zu befinden scheinen oder
aus einem anderen, bedrohlichen Dunkel auftauchen, wie bei La pensierosa
(1954), die sie berühmt gemacht haben. Männer spielen in dieser Welt der
„Hüterinnen“ oder „Mütter“, wie Marcel Brion sie mit einer Anspielung auf
„Faust II“ genannt hat, kaum eine Rolle; und wenn sie es tun, dann nähern
sie sich dem Ideal des Androgynen oder sind Opfer der grausamen Hexen und
der weiblichen Vampire, die diese Bilder, oft von an Bosch gemahnenden
Monstren begleitet, bevölkern. Die glatte, fast akademisch wirkende Technik
ihrer Porträts und Figurenbilder steht oft, vor allem in den
Landschaftsbildern, einer fast tachistisch wirkenden Sehweise gegenüber; ein
ähnlicher Kontrast kennzeichnet auch das Werk Leherbs. In den 6oer Jahren
näherten sich die Bilder der Malerin, die auch als Bühnenbildnerin und
Illustratorin besonders erfolgreich war, immer mehr dem Kunstgewerbe, eine
Tatsache, die die Qualität ihrer zwischen 1938 und 1955 entstandenen Werke
keineswegs schmälert. Über diese frühen Bilder schreibt Brion: „Das
Phantastische dieser rätselhaften Kompositionen, m denen kein einziges
Element an sich phantastisch ist, geht aus der Dichte und Schwere der
geheimnisvollen Atmosphäre hervor, welche die Figuren umgibt. Sie gehören
weder zur Welt des Wachens noch zu der des Schlafs. Es sind Nachtwandler,
die in einer hellseherischen Hypnose Handlungen vollführen, die ihnen selbst
unerklärlich bleiben.“ |