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(* 2. 4. 1891 Brühl, T 1.
4. 1976 Paris)
Der im selben Jahr wie Picasso geborene und nur kurze Zeit nach ihm
gestorbene Max Ernst teilt mit diesem grossen Spanier nicht nur den gleichen
Abschnitt der Zeitgeschichte, sondern sicherlich auch dessen Bedeutung für
die Kunstgeschichte. Max Ernst, der Mitbegründer des Dadaismus (1919), einer
der Initiatoren der surrealistischen Bewegung (1922/23) und bekannt und
befreundet mit den namhaftesten Künstlern seiner Epoche, war, wenn man seine
Zeit in Indochina, in Frankreich, in der Schweiz, in den USA und auf Hawaii
betrachtet, tatsächlich der „Weltreisende in Sachen Kunst“, für den ihn ein
Kritiker hielt, ein kosmopolitischer „Artist“, der 1958 die französische
Staatsbürgerschaft erhielt.
Nach dem Abitur in Brühl studierte Ernst an der Universität Bonn (1909-1912)
Philosophie, Psychiatrie und Kunstgeschichte, obgleich er sich von Anfang an
mehr für Malerei interessierte. 1913 lernte er Guillaume Apollinaire und
Robert Delaunay im Atelier von August Macke kennen. Noch im selben Jahr,
darf er am „Ersten Deutschen Herbstsalon“ in der Galerie „Der Sturm“ in
Berlin teilnehmen. Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges begegnet er Hans
Arp, mit dem er bis zu seinem Tode befreundet bleibt. Ein Jahr nach
Kriegsende (1919) gründet Ernst mit Johannes Baargeld die Kölner
Dada-Bewegung. Entgegen den Äusserungen Herbert Reads bestand das OEuvre Max
Ernsts zu dieser Zeit bereits aus einer ungewöhnlich hohen Anzahl von
zumeist auch noch heute erhaltenen Werken; darunter jenes an Chagall
erinnernde Oel-Gemälde mit dem beziehungsreichen Titel Unsterblichkeit
(1913) und das auf Georges Braque weisende Werk Komposition mit dem
Buchstaben E (1914), die beide noch vor Kriegsbeginn entstanden.
Andre Breton, der als einer der ersten die Bedeutung des Werkes von Ernst
erkannte, arrangierte 1920 für ihn eine Collagen-Ausstellung in Paris. Etwas
später lernt Ernst in Köln Paul Eluard kennen, dessen poetische Texte ihn
nachhaltig beeinflussen. Neben die phantastischen Photo- und
Stahlstich-Collagen treten die Versuche mit Ölfarbe, Leinwand und
Materialabfällen, als deren erstes Produkt die Pietâ oder Die Revolution bei
Nacht (1923) entsteht, das später als eines der Hauptwerke des Surrealismus
angesehen wird. 1925 entdeckt er die „Frottage“-Technik, eine
Durchreibetechnik, die er bis in die 6oer Jahre immer wieder anwendet. Vier
Jahre danach trifft Ernst mit -- Dali und Luis Bunuel zusammen, um einen der
ersten surrealistischen Filme, „L'Age d'Or“ (1929) zu drehen. 1929 trifft
Ernst auch Alberto Giacometti, den er 1934 in der Schweiz besucht: Kurz
darauf entstehen die ersten eigenen bildhauerischen Arbeiten.
Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wird Ernst, der schon seit 1922 in
Paris lebt, als Deutscher interniert (1939). 1940 emigriert er in die USA,
wo er, in dritter Ehe, Peggy Guggenheim heiratet. Während eines
Sommeraufenthaltes in Arizona (1943) lernt Ernst seine spätere, vierte Frau
Dorothea Tanning kennen, mit der er sich in Sedona (Arizona) ein Haus baut.
Im selben Jahr entsteht das streng komponierte Werk Gemälde für junge Leute,
das wie Vox angelica (1943) mit seinen deutlich abgegrenzten Bildfeldern,
deren Verwendung schon in dem Gemälde Tag und Nacht (1941/42) erprobt wurde,
eine geradezu „fernöstliche“ Ruhe ausstrahlt. Fast sämtliche bildnerischen
Werke aus den Jahren 1941-1952 belegen die hartnäckige Auseinandersetzung
mit geraden, geometrischen Linien und phantasmagorischen, naturhaften
Formwucherungen. Daneben entstehen unzählige Skulpturen, darunter die
grosse, in Zement gegossene Arbeit Capricorne (1948), deren Schema noch fünf
Jahre danach in Henry Moores „King and Queen“ nachklingt. Der überwiegende
Teil der Plastiken aus dieser Zeit ist jedoch zerstört oder unauffindbar.
1953, nach einem längeren Aufenthalt in Hawaii, wo er Vorlesungen über die
Geschichte der modernen Kunst hielt, kehrte Ernst aus dem amerikanischen
Exil nach Europa zurück; 1955 übersiedelte er nach Huismes in der Touraine m
Frankreich.
Das grundsätzlich phantastische Werk Max Ernsts, das von der Literatur über
die Malerei bis zur Bildhauerei und Architektur reicht, zählt zu den
wesentlichen künstlerischen Äusserungen unseres Jahrhunderts und ist in
seiner Vitalität und seinem Erfindungsreichtum nur noch mit dem Werk
Picassos zu vergleichen. In einer Zeit, m der die Kunst aus Deutschland
emigrieren musste und ein teilweise noch heute sichtbares Vakuum
hinterliess, ist der Künstler Max Ernst eine Art Menetekel und sein Leben
fast ein Paradigma des Überlebens. Sein Tod ist zugleich das Ende einer
Epoche, die mehr Erneuerungen in der Malerei bewirkte als irgendeine andere
vorher.
Weitere Hauptwerke Die Lust am Leben, 1936; Napoleon in der Wüste 1941; Das
Auge des Schweigens, 1943/44: Euklid, 1945; Der Garten Frankreichs, 1962;
Die Rückkehr der schönen Gärtnerin, 1967. |