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(eigentlich: Didier Barra
und Francois Nome oder de Nome; tätig in Neapel um 1615)
Zu den erstaunlichsten Rätseln der Kunstgeschichte gehört der geheimnisvolle
Monsû Desiderio, dessen Identität erst durch das Buch von Félix Sluys (1961)
endgültig geklärt wurde. Eine erste Erwähnung des Malers findet man in dem
handgeschriebenen Katalog der Sammlung Harrach in Wien, der aus dem 18.
Jahrhundert stammt. Ihm werden dort fünf Bilder zugeschrieben, die
phantastische Architekturen darstellen. Diese fünf Bilder bilden den
Ausgangspunkt einer faszinierenden detektivischen Arbeit, die, nachdem sie
des öfteren zu falschen Schlussfolgerungen geführt hatte, von Prof. R. Causa
und dem belgischen Psychiater Dr. Felix Sluys, zu einem guten Ende geführt
wurde. Causa, der im Gegensatz zu älteren Forschern über reichhaltiges
Bildmaterial verfügte, da das Interesse an Desiderio ab 1950 zu mehreren
Ausstellungen geführt hatte, entdeckte zuerst auf dem Bild Die Zerstörung
Sodoms und dann noch auf einigen anderen Gemälden den Namen „Francesco di
Nome“. Sluys führte seine Untersuchungen weiter, wobei er vor allem auch
berücksichtigte, dass man die Desiderio zugeschriebenen Bilder in zwei
Gruppen aufteilen konnte: Während die eine, kleinere Gruppe Architekturen
darstellte, die, trotz mancher Freiheiten, der Vedutenmalerei nahestehen,
haben die anderen Bilder einen halluzinierenden Charakter. Sluys glaubte
denn auch, dass sich hinter dem Namen „Monsû Desiderio“ zwei Maler
verbargen, und er konnte dafür den Beweis liefern. Der Name Didicr Barra auf
dem Rücken eines der vedutenähnlichen Bilder gab da/u den ersten Hinweis.
Die Suche Sluys' förderte eine Reihe von Dokumenten zutage, die folgendes
ergaben: Zwei junge Maler aus Metz verliessen etwa um dieselbe Zeit (um
1608) ihre Heimat und zogen nach Italien, um dort ihre Ausbildung zu
vollenden. Der eine von ihnen, Francois Nomé, studierte in Rom beim
flämischen Manieristen Balthazar Lauwcrs, ging dann nach Neapel und
heiratete dort 1613. In Neapel, wo es eine grössere französische Kolonie
gab, wird er mit Didier Barra zusammengetroffen sein. Die beiden werden, wie
es damals keineswegs unüblich war, ein gemeinsames Atelier (Bottega) gehabt
und an verschiedenen Bildern zusammen gearbeitet haben. Die Werke der beiden
Maler aber wurden unter einem Namen, quasi einem „Firmenschild“, verkauft:
aus „Monsieur Didier“ wurde „Monsû Desiderio“. Weitere Daten konnten bis
jetzt nicht ermittelt werden, aber die von Sluys vorgeschlagene Lösung
sclieint der Wahrheit am nächsten zu kommen. Dass Francois Nomé der
interessantere der beiden Lothringer ist und dass man ihn meint, wenn von
den Bildern des Monsû Desiderio, eines der grössten phantastischen Maler,
gesprochen wird, ist inzwischen deutlich geworden.
„Ohne dass sie irgendeine Beziehung aufwiesen zu wirklich existierenden
Gebäuden, scheinen die von Desiderio dargestellten Architekturen aus einem
beschränkten Bildrepertoire gewählt zu sein*, schreibt Ornella Volta, „der
Maler reproduziert gleichsam immer dieselbe imaginäre und gespenstische
Stadt, wie wenn einer jede Nacht denselben Traum träumt.“ Diese
Architekturen beherrschen die Leinwände völlig, sie heben sich von einem
düsteren Fond ab, wirken manchmal fast durchsichtig im Licht unheimlicher
Mondnächte oder in der Glut von Bränden und Explosionen. Motive, wie eine
riesige Säule oder ein römisches Tempelchen, kehren immer wieder, die Wände
und Säulen sind mit skeletthaften Statuen geschmückt, die oft lebendiger
wirken als die kleinen, unbeteiligten menschlichen Figuren, die von den sie
umgebenden Monumenten schier erdrückt werden. Diese Welt der wuchernden
Architektur, der Gebäude ohne Fenster und Türen, ist dem Untergang geweiht:
In vielen Bildern greifen Zerfall und Zerstörung um sich. Sluys glaubte,
hier die Malerei eines Schizophrenen vor sich zu sehen. Sicher ist, dass es,
ausser Piranesi, keinem Maler je gelang, das Architekturbild mit solch
visionärer Kraft zu beleben. Dieser ausserordentlichen Bildwelt ent- '
spricht eine neue Technik, über die Sluys sagt: „Der Maler drückt eine
homogene schwarze oder dunkle Schicht auf den Bildgrund, die er dann mit
Farbflecken überlagert; dadurch entstehen in manchen Fällen recht
beträchtliche Verdickungen; diese überarbeitet er mit dem Stichel und
ziseliert sie, dergestalt, dass an manchen Stellen das Schwarz des
Untergrunds wieder zum Vorschein kommt. So erzielt der Künstler Schatten und
Ränder, die bisweilen erstaunliche Reliefwirkung haben.“
Weitere Hauptwerke Susanna im Bade, o. J.; Flucht nach Ägypten, 1624;
Imaginäre Architektur: Ruinen mit Sarkophag, 1624; Explosion in einer
Kirche, o. J.; Das Schweigen, o. J. |