|
( * 13. 3. 1902
Kattowitz/Schlesien T 23. 2. 1975 Paris)
Wenngleich Bellmer sich auf Drängen seines Vaters in gutbürgerlichen Berufen
versuchte, liess sich dadurch seine Entwicklung zum Maler, die ein
Paris-Aufenthalt beschleunigte, nicht unterdrücken. Anfangs als
Werbegraphiker tätig, legte er 1933 aus Protest gegen den Faschismus jede
nützliche Arbeit nieder; er konstruierte eine Puppe, die als der eigentliche
Beginn seiner Laufbahn als bildender Künstler anzusehen ist und eine
Verbindung zu den Surrealisten herstellt. Paul Eduard wird auf ihn
aufmerksam, und 1938 siedelt Bellmer nach Paris über. „Bellmers OEuvre, in
dem Lust und Schmerz, das kalte Delirium und die glühende Vernunft sich
miteinander verschmelzen, beunruhigt und bezaubert wie ein schwarzer
Diamant“, schreibt Sarane Alexandrian. Seine Zeichnungen in der ersten
Pariser Phase sind gekennzeichnet durch eine geradezu vernichtend sezierende
Genauigkeit. Sein Strich dringt durch die Kleidung der Figuren, spürt die
Nacktheit der Körper auf, dringt unter die Haut, zeichnet die Anatomie der
Muskeln nach, die Verteilung der Organe, die Gliederung des Knochenbaus.
Seine Figuren sind gestaffelt, drei, vier und mehr Bewegungsabläufe
übereinander, die Zeit ist eingebracht als graphisches Element. Bellmer
interessiert sich nicht für den minuziösen Ablauf einer Bewegung, sondern
für das Arrangement vieler, in zeitlicher Folge ablaufender Bewegungen. Und
diese fast dämonische Entblössung der Dimensionen Raum und Zeit ist tragisch
wie ein Mord, denn seine Figuren können nicht mehr leben, weil sie 'alle
Teile eines anderen, komplexeren Lebens sind. Als Deutscher kommt er 1940,
wie Ernst, in ein Internierungslager bei Aix. Das Lager ist eine
stillgelegte Ziegelei. Auf beide Maler üben die zu Türmen aufgestapelten
Ziegelsteine eine magische Anziehungskraft aus. Bellmers Max Ernst-Porträt,
ein aus Ziegelsteinen gebildetes Gesicht, ist nicht nur eine Erinnerung an
die gemeinsame Internierungszeit, sondern zugleich der Auftakt zu einer
Reihe von Zeichnungen und Radierungen, die Mauerwerk, steinerne Räume und
Körper in immer neuen, organischen Transplantationen darstellen. Neben den
schon genannten Techniken finden sich Gouachen und Ölbilder. Während er bei
den Gouachen des öfteren die Technik der Decalcomanie anwendet, bleibt er
bei den Gemälden auf dem Boden der traditionellen Malweise. In seiner
Schrift „Petit anatomie de l'inconscient physique“ entwickelt er so etwas
wie eine neue Körperlichkeit, die „Céphalopodes“. Hierbei handelt es sich um
wohlgeformte, allein aus Frauenkopf und Beinen bestehende Wesen. In den 4oer
Jahren entstehen mehrere Illustrationen zu Arbeiten Georges Batailles, wie
zu „Madame Edwarda“. In Berlin lernt er die Malerin Unica Zürn kennen, mit
der er bis zu ihrem Selbstmord (1970) zusammenlebt. Im Jahre 1968 entstehen
die Radierungen zu „Petit traité de morale“ von deSade; und im gleichen Jahr
fand die erste grosse Retrospektiv-Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft
in Hannover statt.
\Vcitere Hauptwerke A Sade. Sammlung von zehn Radierungen. Paris 1961;
Doriane oder der Mädchenluir, 1969.
Publikationen Die Puppe. Text mit /.ehn Photocollagen. Carlsruhe /
Oberschlesien 1934; Petit anatomie de l'inconscient phy-sique Du Panatomie
de Pimage. Paris 1957; I.cs ManonettL's. Xehn I:arbstidie /u Heinrich von
Kleist. Paris 1969.
|