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Obgleich Sigfned Giedion
in seinem Buch „Raum, Zeit, Architektur“ davon ausgeht, dass Architektur als
angewandte Kunst in erster Linie von „realen“ Bedingungen wie
Gebrauchszweck, Material, Konstruktion und Ökonomie ausgehe, kann das
Vorhandensein einer Architektur, die genau jene vier Grundbedingungen
absichtlich unerfüllt lässt, nicht geleugnet werden. Seit dem
Expressionismus und dem Futurismus in Malerei und Plastik ist die
Architektur, die den Zwang „realer Bedingungen“ untergeordnet behandelt,
gleichberechtigt, wenn nicht sogar in einigen Fällen massstabsetzend neben
die traditionelle Auffassung von Baukunst getreten. Das Ende der 6ocr Jahre
scheint in den Arbeiten einiger hervorragender Baumeister wie Hans Scharoun
(geb. 1893), Bruce Goff (geb. 1904) oder Kenzo Tange (geb. 1913) nahezu
einer Erfüllung der Ideen Otto Kohtz' gleichzukommen, der 1909 formulierte:
„Es ist sehr gut möglich, dass spätere Geschlechter so weit Stoff und
Technik beherrschen, dass sie ein Bauwerk oder eine Landschaft ohne allen
Zweck nur zum Anschauen oder aus Lust zum Schaffen in einer bestimmten
Stimmung gestalten lassen . . .“ Dass schon, zur gleichen Zeit, der
Briefträger Ferdinand Cheval (1836-1924), die letzten Ornamente an seinem
Palais Ideal in Hauterives anbrachte und in Los Angeles Simon Rodia
(1879-1954) auf einem Gelände am Rande der Stadt seinegeflochtenen
Draht-Beton-Türme errichtete (Bauwerke, die heute der Randarchitektur
zugerechnet werden), ist einerseits ein Beleg für die Zeitnähe der Gedanken
Kohtz' und andererseits für denBeginn einer Entwicklung der Phantastischen
Architektur, dieihren vorläufigen Höhepunkt in der Errichtung einer ganzen
Stadt durch den Brasilianer Oscar Nie
meyer (Brasilia) fand, der allerdings in den letzten Jahren wieder holt ihre
„Unbelebbarkeit“ beklagte. Die Phantastische Architektur, die in erster
Linie eine Baukunst aus überwiegend artifiziellen Ideen, skulpturalen
Anliegen und symbolischen oder philosophischen Überlegungen ist (wie bei dem
Anthroposophen Rudolf Steiner), bietet, wie Wolfgang Pehnt anmerkt, eine
Totalität des Kunsterlebnisses, die allen anderen Medien bisher versagt
blieb.
Die ersten Anzeichen einer „phantastischen“ Architektur, deren einzigartige
Inszenierung Schrecken und Staunen erwecken kann, sind jene bearbeiteten
Felsenrücken und Findlinge im Garten des Vicino Orsim (bei Viterbo), den er
1550 anlegen liess und den man heute den „Heiligen Wald von Bomarzo“ nennt;
250 Jahre später wurde aus einem ähnlichen Gedanken die Löwenburg im Park
von Schloss Wilhelmshübe (bei Kassel) unweit des Oktagon als eine künstliche
Ruine angelegt, der die vorgelagerten Springbrunnen, Grotten und gepflanzten
Labyrinthe einen „romantisch-unheimlichen“ Charakter verliehen.
Als einer der ersten, geradezu „revolutionären“ Architekten, dessen
gewaltige Kenotaphe und Monumente ein neues Kapitel in der Geschichte der
Architektur einleiteten, war Etienne-Louis Boullee (1728-1799), zugleich der
Begründer einer phantastischen, sich traditioneller Baustoffe bedienenden
Architektur, deren Wirkung sich über die „idealen Stadtpläne“,
„Symbol-Tempel“ und „Kugelhäuser“ des Claude-Nicolas Le-doux (1736-1806),
die geisterhaften Grabmalskizzen des Louis-Jean Desprez (1743-1803), die
Runelhaus-Projekte des Antoine-Laurent-Thomas Vaudoyer (1756-1846), über die
Tempel und „präfigurativen Architekturen“ des Jean-Jacques Lequeu
(1757-1825) und die „Säulenhäuser“ des Francois Barbier (1768-1826) bis hin
zu den schwebenden Gebäuden und Kugelbauten Oscar Niemeyers (geb. 1907) gut
belegen lässt.
Joseph Paxtons (1801-1865) Glas und Eisenbauten (Kristallpalast, London
1851) stellen den ersten Schritt im Umgang mit neuen Baustoffen, wie Glas
und Eisen, und seriell gefertigten Bauelementen in der Phantastischen
Architektur dar.
Eine erste wirklich „unakademische“ Architektur, die phantastisch in einem
umfassenderen Sinne ist und „subjektive Mythologie“ wie naives Schöpfertum
gleichermassen mit cinbezieht, ist das Palais Ideal von Cheval. Wie bei den
Türmen Rodias, den organischen, mit Facetten versehenen Wohnbergen Boyce
Luthers (1883- 1945) oder dem einer wuchernden Pflanze gleichenden Museum
Der Garten der Träume von Robert Tatin (geb. 1901) in Cosse-le-Vivien, so
handelt es sich auch bei Cheval um das phantasievolle Baubeispiel einer die
Fragen nach ästhetischer Norm und Funktion konsequent ausser acht lassenden
Laien-Architektur. Einen vergleichbaren Eindruck ungefesselter Kraft und
Phantasie vermittelten bisher nur die Bauwerke des Spaniers Antonio Gaudi
(1852-1926), der, lange vor dem Jugendstil und dem Expressionismus in der
Architektur, eine neue Formenwelt in der Baukunst zu Worte kommen liess. Die
Gebäude Gaudis, der von Le Corbusier (1887-1965) als der grösste
Konstrukteur des Jahrhunderts bezeichnet wurde, sind, wie der scheinbar nach
Träumen gezeichnete Palacio Gäell, die Casa Mild oder die noch nicht
vollendete Kirche Sagrada Familia beweisen, von einer Strahlkraft und
Faszination, die noch heute ohne Gegenstück ist.
Der vorwiegend als Architekt des Jugendstils bekannte Hermann Obrist
(1863-1927), dessen Schlangenviadukt und „utopische Architekturplastiken“,
im Gegensatz zu den an Tropfsteinhöhlen erinnernden Räumen von Hans Poezig
(1869-1936), wie ein vorzeitiger Hinweis auf die „alpinen Architekturen“
eines Bruno Taut (1880- 1938) anmuten, ist einer der ersten expressiven,
phantastischen Architekten in Deutschland. Taut, Erich Mendelsohn
(1887-1953), dessen Einsteinturm wie eine leise Hommage a Gaudi wirkt und
der noch heute wirkende Hans Scharoun zählen zu den wesentlichen Erneuerern
der Baukunst im Europa der 2oer Jahre.
In den USA beginnt mit Frank Lloyd Wright (1869-1959) und seinen bizarren,
lichtdurchfluteten Bauwerken eine utopische Architektur, die an Poesie und
Dimensionserweiterung nur noch von Richard Buckminster Füller (geb. 1895)
überboten wird. Neben Bruce Goff und seinen glasstählernen Gebäuden, die wie
sich „in zahlreichen Einien windende Regenschirme“ wirken und die durchaus
eine Inspirationsquelle für Das unendliche Haus von Frede-rick Kiesler
(1896-1966) gewesen sein könnten, gehört vor allem Paolo Solerie (geb. 1920)
mit seinen an geflochtene Körbe und Waben erinnernden Bauwerken zu den
geometrische Formen bevorzugenden Architekten.
Antonio Sant'Elia (1888-1916) dürfte der erste futuristisch-phantastische
Architekt Italiens sein, dessen eindrucksvolle, an Pira-ncsi gemahnende
Bauwerkskizzen zur Cittä Futitrista (1914) in ihrer
80 Antonio Gaudi, Casa Milä. Barcelona Grosszügigkeit nur noch von Le
Corbusier und Frei Otto (geb. 1925) erreicht werden. Enrico Castiglioni
(geb. 1914) zählt, wie der Mexikaner Felix Candela (geb. 1910) und der
Deutsche Günter Günschel (geb. 1928) zu den Architekten, die mit
weit-geschwungenen Beton- und Kunststoffdächern endlose Plätze oder sakrale
Stätten überspannen. Auch der 1913 geborene Japaner Ken/.o Tange bevorzugt
weite Flächen überdeckende Formen, die sich, wie die phantastischen,
scheinbar schwebenden Dächer Frei Ottos, dem Betrachter eher als Skulptur
denn als eine funktionsgebundene Form darstellen.
Jüan O'Gormans (geb. 1905) mosaikverziertes und zum Teil aus Lavagestein
erbautes Haus in Mexiko, ist, wie die von ihm gestaltete Hauptbibliothek der
Universitätsstadt Mexiko (1956), ein weiterer Beleg für die mögliche
Verschmelzung von alter Kultur und neuzeitlicher Architekturvorstellung
(Belege, von denen es in Südamerika sehr viele gibt) und den daraus
erwachsenden phantastischen Akzenten. Bei dem Architekten und Maler Klaus
Arnold (geb. 1928), wie bei dem Dänen J0rn Utzon, der den kühnen Entwurf für
das Opernhaus in Sidney (1956) zeichnete, ist wieder eine deutliche
Hinwendung zu chthomschen, naturnachempfindenden Formen zu erkennen
(Blüten-, Muschel- und Pilzformen), als gelte es, den durch Gaudi geöffneten
Kreis zu schliessen. |