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Die älteste Beschreibung
einer Unterweltsfahrt findet sich in der homerischen Odyssee. Im 11. Buch
wird berichtet, wie der Titelheld Odysseus in den Hades hinabsteigt. Der
Hades ist ein finsterer Raum im Inneren der Erde, der im äussersten Westen
jenseits des Ozeans liegt. Vor dem Hades selbst liegt ein Vorhof mit einem
Eingang. In diesem Vorhof beginnt die Asphodelos-Wiese, der Aufenthaltsort
der Verstorbenen, der sich unter der Erde durch das ganze Gebiet des Hades
zieht. Homer kennt noch keine Flüsse, die den Hades umschliessen. Er erwähnt
ausser dem Styx, der für ihn Symbol der ganzen Unterwelt ist, den Acheron,
der sich im westlichen Teil des Vorhofes befindet. In ihn stürzen sich der
Pyriphlegethon und der Kokytos hinein, der aus dem Styx kommt. Um vom Vorhof
in den eigentlichen Hades zu kommen, müssen die Seelen von Chäron
übergesetzt werden. An dieser Stelle im Vorhof vollzieht Odysseus eine
Totenbeschwörung, indem er das Blut eines getöteten Schafes in ein Loch
giesst. Vor ihm erscheinen die Seelen seiner Mutter und die der Helden der
Vorzeit und des Trojanischen Krieges. Obwohl Odysseus nur bis zum Vorhof
kommt, erfährt er, welche Qualen die Giganten, die sich gegen Zeus
auflehnten, und die anderen Büsser wie Tityos, Tantalus und Sisyphus im
Tartaros, dem untersten Teil des Hades, erleiden müssen.
Der röm. Dicher Vergil beschreibt im 6. Buch seines Epos Aneis, wie der
trojanische Held Aneas zusammen mit der Sibylle, einer Priesterin des
Apollos und der Artemis, in der Nähe von Cumä in die Unterwelt hinabsteigt.
Am Avernersee steigen sie beide in eine Höhle und durch einen dunklen Wald
gelangen bis zur Schwelle des Orcus. Hier wohnen Tod, Sorge, Krankheit, aber
auch die Furien und Ungeheuer. Die nächste Station ist der Acheron, der in
den Kokyros fliesst. Der Fährmann Chäron transportiert die Seelen, die nach
den Vorschriften der Religion bestattet worden sind. Alle anderen Seelen
müssen hundert Jahre ruhe-los umherirren. Das jenseitige Ufer wird von einem
schrecklichen Ungeheuer, dem Höllenhund Kerberos, bewacht. Die Verstorbenen
schreiten an den Seelen der früh verstorbenen Kinder und der Selbstmörder
vorbei, passieren die traurigen Gefilde, wo sich die aus Liebe Gestorbenen
aufhalten, und kommen schliesslich zum Bezirk der thebanischen und
trojanischen Helden. Dann trennt sich der Weg. Rechts geht es zum Elysium,
dem Herrschaftsgebiet von Pluto und Proserpina, wo die Seligen wohnen. Links
geht es hinab zur Hölle, deren unterster Bereich der Tartaros ist. Eine mit
einer dreifachen Mauer umgebene Burg wird von dem Feuerstrom Phlegethon
umflossen, in den Mörder und Räuber geworfen werden. Herrscher in dieser
Burg ist Rhadamantys, der Richter der Unterwelt. Sind die Verstorbenen erst
einmal Beute der Furien, gibt es kein Entkommen mehr. Dies ist der Strafort
der Verwandtenmörder, Meineidigen, Geizigen, Ehebrecher und Verräter. Der
gesamte Abgrund der Hölle hat eine Tiefe, die die Höhe des Himmels zweimal
übertrifft. Schaudernd wenden sich Aneas und seine Begleiterin ab und gehen
zur Burg der Seligen. Hier begegnen sie dem thrakischen Sänger Orpheus und
bekannten Heroen und Helden. Anchises, der Vater des Aneas, erklärt seinem
Sohn, dass sich die Seelen nach einer Reinigung durch Wind, Wasser und Feuer
eine Zeitlang im Gefilde der Seligen auf-halten müssen, bis sie nach einem
Trunk aus der Quelle der Lethe in die Oberwelt zurückkehren könnten. Nachdem
Aneas noch das Schicksal Roms erfahren hat, kehrt er mit der Sibylle durch
die Tore des Traumes ins Leben zurück.
Unter allen Unterweltsfahrten ist sicherlich die von Orpheus am
eindrucksvollsten. Orpheus ist ein mythischer Sänger und Religionsstifter.
Seit dem 6. Jahrhundert vor Christus bis in die Spätantike gibt es Zeugnisse
aus der Literatur und der Kunst, die es ermöglichen, ihre Lehre in Umrissen
zu rekonstruieren. Da Seele und Leib in einem ständigen Widerstreit liegen,
soll der Mensch danach streben, möglichst nach wenigen Widergeburten für
immer ins Jenseits zu gelangen. Das Jenseits ist aufgeteilt in das Elysium,
dem Wohnort der Seligen, und dem Tartaros, wo die Verdammten leben müssen.
Ihre Lehre enthielt die Idee, dass sich die Menschen nach ihrem Tod vor
einem Totengericht für ihre Taten verantworten müssten. Diese beiden Orte im
Jenseits sind der Lohn oder die Strafe für die irdischen Taten.
Der Mythos von der U. des Orpheus schildert zunächst die grosse Trauer, die
Orpheus befällt, als seine jungvermählte Frau Eurydike durch einen
Schlangenbiss den Tod findet. Orpheus gelingt es schliesslich, bis zum Thron
des Plutos und der Proserpina vorzudringen. Durch seine Lieder erreicht er,
dass Eurydike mit ihm zur Oberwelt zurückkehren darf. Ihm wurde aber zur
Auflage gemacht, sich beim Aufstieg in die Oberwelt nicht zu seiner Gemahlin
umzudrehen. Zusammen mit Hermes verlässt das wiedervereinte Paar die
Unterwelt. Doch kurz vor dem Ende des Aufstiegs dreht sich Orpheus um.
Sofort wird Eurydike von Hermes in die Unterwelt zurückgebracht. Seit der
Antike wird gerätselt, weshalb die beiden Unterweltsherrscher diese Auflage
für die Rückkehr der Eurydike machten. Eine der zahlreichen Erklärungen
besagt, dass durch diese Auflage und dem Versprechen des Orpheus, sie zu
beachten, die absolute Macht des Unterweltgottes über die Lebenden sichtbar
gemacht werden sollte. Möglicherweise sollte auch zum Ausdruck kommen, dass
es kein Entrinnen aus der Unterwelt gebe. Denn es war zu erwarten, dass sich
der fürsorgliche Orpheus nach seiner geschwächten Frau umdrehen würde. Im
frühen Christentum wurde Orpheus mit Christus verglichen. Im Gegensatz zu
Orpheus konnte Christus, der ebenfalls in die Hölle hinabstieg den Tod
besiegen. |