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Zukunft im Judentum

Wie in vielen anderen Religionen muss auch im Judentum zwischen kollektiven (oder selbst kosmischen) und individuellen Zukunfts-Vorstellungen unterschieden werden. Das biblische Judentum kennt noch kein überweltliches Jenseits. Der nichtkörperliche Teil des verstorbenen Individuums, welches zu „seinen Vätern eingesammelt" wurde, steigt in die Sheol hinab, eine dem griechischen Hades nicht unähnliche Vorstellung von Unterwelt. König Saul, in der Verzweiflung und Seelennot seiner letzten Nacht, holt, mit Hilfe einer Totenbeschwörerin, Samuel aus der Unterwelt empor, nicht vom Himmel herab. Auch der Psalmist betet zu Gott, in Krankheit und Not, im „Lande der Lebenden" bleiben zu dürfen, denn „die Toten preisen nicht den Herrn, noch die welche zur Stille hinabgefahren". Im biblischen Hebräisch heisst das Wort acharith noch nicht wie später Endzeit, sondern glückliche Zukunft, individuell und national-kollektiv, auf dieser Erde. Die dauerhafte „Zukunft" des Individuums ist seine Nachkommenschaft. Wenn Gott Abraham verspricht: „Dir werde ich' das Land geben", so bedeutet „dir" soviel wie „deinem Samen".
Zur Zeit des 2. Tempels, wohl im Zusammenhang mit sich wandelnden Auffassungen über das Individuum und sein Schicksal, bildeten sich neue Zukunfts-Vorstellungen aus. Der neben anderen eschatologischen Ideen sich vielleicht unter iranischem Einfluss herausbildende Auferstehungsglaube, der von den Pharisäern wie auch von Jesus rezipiert, von den konservativen Sadduzäern als „Neuerung" verworfen wird, bewahrt die biblische Auffassung von der leiblich-seelischen Einheit des Menschen, rückt aber dessen Zukunft in die eschatologische Endzeit. Hier vereinigen sich individuelle und gesamtgeschichtliche Zukunfts-Vorstellungen. Zur gleichen Zeit verbreitete sich (vielleicht unter griechisch-platonisierendem Einfluss) der Glaube an eine vom Leib wesensverschiedene substantielle Seele. Diese trennt sich beim Tod von dem oft als minderwertig, weil fleischlich-materiell gedachten Körper, um in eine „jenseitige" Welt einzugehen, den Himmel, das Haus des himmlischen Vaters o.ä. In diesem Zusammenhang taucht die Vorstellung vom Paradies (= der Garten Eden der Genesiserzählung) auf. In vielen rabbinischen Texten wird zwischen dem „himmlischen Paradies" (der Ort der abgeschiedenen Seligen) und dem „irdischen Paradies" (der Adam- und-Eva-Erzählung) unterschieden. Da die göttliche Gerechtigkeit auch Bestrafung von Sündern erfordert, musste neben dem Paradies auch eine Hölle im Jenseits eingeführt werden. Die in den rabbinischen Texten erwähnte Hölle ist eher eine Art Purgatorium, da nach Abbüssung der Sünden - spätestens nach einem Jahr - „alle Kinder Israels des Paradieses teilhaftig werden". Diese beiden an sich gegensätzlichen Vorstellungen wurden später harmonisiert: Die individuelle Seele wird individuell gerichtet, bestraft und belohnt und erwartet dann im Paradies das grosse endzeitliche Gericht, Auferstehung und den Anbruch des neuen Himmels und der neuen Erde. Das Judentum sieht keine Notwendigkeit, den materiellen Auferstehungsglauben zu vergeistigen und Hilfsbegriffe wie corpus glorificationis und dgl. einzuführen. Die Kabbala lehrt auch - im Gegensatz zum nichtkabbalistisch rabbinischen Judentum - die Seelenwanderung und Wiedergeburt.
Die oft undeutliche Unterscheidung zwischen Zukunft (zeitlicher Begriff) und Jenseits (räumlicher Begriff) zeigt sich auch im Gebrauch des hebr. 'olam ha-ba, wörtlich die „kommende Welt", eschatologisch gesehen, die zukünftige Zeit, der Aion des Reiches Gottes, in diesem Sinne auch noch im Neuen Testament gebraucht, aber dann auch als „jenseitige Welt" verstanden. Die Verschmelzung der beiden Begriffe zeigt sich z. B. in der Vorstellung eines himmlischen Jerusalems (also im „Jenseits" lokalisiert), welches aber am Ende der Tage auf die Erde herabkommen wird.
Heilserwartung ist immer Zukunfts-Hoffnung, ob es sich um individuelles Heil, um das Heil des Volkes (Ende des Exils, Sammlung der Zerstreuten, Wiederherstellung. des Tempels und des davidischen Throns unter einem messianischen König) oder um eine völlige Transformation des Kosmos handelt. Diese hat sich selbst auf das moderne säkularisierte Denken vererbt.
 


 

 

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