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Zukunft im Hinduismus

Die Gegenwart, von der aus im Rahmen des hinduistischen Weltverständnisses nach der Zukunft gefragt werden kann, ist bestimmt durch die Vorstellung von zyklisch sich wiederholenden vier Weltzeitaltern (yuga), in denen Lebensdauer und Lebensqualität stetig abnehmen. Tausend Zyklen von Weltzeitaltern bilden einen einzigen „Tag" im Leben des Gottes Brahman. Nach diesem Schema berechnete hundert Brahman-„Jahre" bilden den kosmisch-mythologischen Rahmen für die Gegenwart. Wir befinden uns heute in einem Kaliyuga, dem schlechtesten der vier Zeitalter, das im Jahre 3102 v.Chr. begonnen haben soll und etwa in der Mitte des gegenwärtigen Brahmantages liegt. Der Zeitbegriff bzw. das Zeitgefühl, das sich in diesem Rahmen artikuliert, besagt einerseits, dass der Hindu in der „Mitte der Zeit" lebt, andererseits, dass Zeit weniger ein linearer Ablauf als ein kosmischer Rhythmus ist. Für die Zukunft der realen, jetzigen Welt innerhalb des Kaliyuga ergibt sich die Erwartung und Gewissheit, dass die herrschenden schlechten Verhältnisse nur immer schlechter werden können, dass jedoch nach einer kosmischen Katastrophe ein Neuanfang mit idealen Lebensbedingungen, geordneten sozialen Verhältnissen und makelloser Moral im Sinne des Dharma gewiss ist.
Die Vorstellung über die individuelle Zukunft in einem Jenseits, nach dem Tode, sind von diesen kosmologischen Anschauungen relativ unabhängig. Gemäss der brahmanischen Theorie muss der einzelne davon ausgehen, dass sich seine Zukunft im Rahmen zahlloser Wiedergeburten ausgestaltet, bestimmt vom Gesetz des Karman, in Verkörperung als Tier, als Mensch auf verschiedenen Stufen der sozialen Hierarchie, als göttliches Wesen in paradiesischen Himmeln oder als Opfer grausamster Qualen in einer der vielen Höllen. Die Zukunft kann (psychologisch) als Regulativ für gegenwärtige Ungleichheit und Leiden wirken, ähnlich wie die „Vergangenheit" zu deren ethischer Erklärung und Rechtfertigung herangezogen werden kann. Die Zeit (kala - das Wort bedeutet auch Tod) als kosmisches Prinzip kann dabei als „Schicksal" auftreten und als eine selbst dem karman übergeordnete Macht verstanden werden. In den indisch-hinduistischen Volksreligionen spielen Wiedergeburt (Reinkarnation) und karman (Karma) keine oder eine untergeordnete Rolle. Totenriten und Ahnenkult belegen, dass es den Glauben an ein Weiterleben der Ahnen gibt, welche Opfergaben verlangen und annehmen, oder auch als böse Geister Hinterbliebene heimsuchen und strafen können. In den theistischen Systemen vermag die Gnade Gottes den Frommen zu erlösen, den ein Eingehen in die Gottheit oder eine Weiterexistenz in der ewigen, zeitlosen Gegenwart Gottes oder eine Teilhabe an der Dynamik innergöttlicher Kräfte (je nach theologisch-philosophischem System) erwarten.
Im geist-monistischen System des Advaita-Vedanta, mit dessen Erlösungsideal sich auch die theistischen Systeme immer wieder vergleichen, ist der höchste Begriff von „Zukunft" die individuell-eschatologische Möglichkeit des Aufhörens aller Zeitläufe, aller Zukunft, nicht durch irgendeine innerweltliche Aktivität (karman, Ritus, Gottergebenheit), sondern durch Erkenntnis, durch eine veränderte Sichtweise, die die letzte Unwirklichkeit der Welt durchschaut, sie durch Verwirklichung der Einheit von individuellem und absolutem Geist-Sein „abschafft".
Auf der Ebene geschichtlicher Ereignisse haben die Hindus dem Zeitgeschehen und damit auch der Zukunft wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist die Vergangenheit, die als Zukunft (im Rahmen einer literarischen Fiktion, z. B. Bhavisya-Puraua) dargestellt wird. Erst in den neuzeitlichen Reformbewegungen des Neo-Hinduismus kommen Gedanken auf wie der einer zugleich kosmischen wie sozialen Evolution (Sri Aurobindo) oder einer durch menschliches Verhalten herbeiführbaren „Herrschaft Gottes auf Erden" (Ram-ifya, Mahatma Gandhi). Oft stellen sich Reformbestrebungen jedoch dar als Rückkehr zu einer „Goldenen Vergangenheit" oder zu den unverderbten Idealen des Anfangs (z. B. Dayananda Sarasvati).
 


 

 

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