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Zeit

1. Der Versuch, die Zeit definierend zu begreifen, muss scheitern und in den Zirkel führen, da das Bewusstsein der Zeit dem Begreifen wesentlich und darum Definieren ohne die Zeit weder denkbar noch möglich ist. Der Begriff der Zeit ist daher wesentlich transzendental, grundlegende Bedingung der Möglichkeit von Transzendentalität überhaupt, d. h. für das Vernehmen von bzw. Sprechen über Sein. Die objektive Zeit als äussere, kosmologisch-dimensionierte Sukzession wird als von der Jetztfolge her entworfener quantitativ-messbarer, kontinuierlich homogener und von sich her leerer Zeit-Raum (imaginäre Zeit) gedacht, der durch die Orientierung an der gleichmässigen Fortbewegung der Himmelskörper die Bestimmung der Dinge durch Mass und Zahl ermöglicht. Die moderne Physik leugnet die Existenz einer objektiven Zeit und deutet sie methodisch als Koordinate im vierdimensionalen Raum. Ihre Zeit-Messung, die durch willkürliche Ansetzung von Bezugspunkten nur relative Zeit-Längen anzugeben vermag, ermöglicht erst eine exakte Naturwissenschaft durch das Bereitstellen reeller Parameter, durch die die Naturereignisse universell in ein Ordnungssystem gebracht werden können und deren Symmetrieeigenschaften durch die Form von Naturgesetzen zu charakterisieren ist (physische Zeit, Zeit-Metrik, Chronometrie, Zeit-Theorie). Davon zu unterscheiden ist die innere, erfüllte, anthropologisch-dimensionierte, qualitative Ereignis- Zeit oder subjektive Zeit, die auf dem erlebten Zeit-Bewusstsein beruht und von den Erlebnisinhalten in Empfindung, Erinnerung, Erfahrung und Erwartung abhängig ist (Zeitlichkeit). Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit sind Abstraktionen der als lückenlose Kette von zeitgebundenen Tätigkeiten, Gelegenheiten und Erlebnissen mittels des Zeit-Sinns empfundenen natürlichen Zeit-Vorstellungen.

2. Historisch entwickelt sich von der Bindung der Zeit-Erfahrung an die Veränderung und Bewegung der körperlichen Dinge her seit Platon (Timaios) und Aristoteles der raumorientierte Begriff der objektiven oder physischen Zeit, der in der scholastischen Philosophie und Theologie des Mittelalters (Albertus Magnus, Thomas v. Aquin vorherrschend blieb und dem noch bei G. W. Leibniz und I. Newton analog zum Raum absolute Realität zugesprochen wurde. Demgegenüber besitzt die Zeit für den späteren I. Kant (Kritik der reinen Vernunft, bes. A 30 ff. 137-147 426-433) zugleich „empirische Realität" und „transzendentale Idealität"; sie ist apriorische Anschauungsform des inneren Sinnes des Subjekts und somit Ermöglichungsbedingung geordneter Erfahrung überhaupt. Damit bezieht sich Kant auf das Zeit-Erleben als zweite Wurzel des Zeit-Begriffs, worauf bereits Augustinus (Confessiones XI, de musica) in seiner Analyse der Zeit als der im Wesen der menschlichen Seele wurzelnden präsentischen Einheit von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft hingewiesen hatte. Ebenso stellt H. Bergson (Essai sur les donnees immediates de la conscience, 1889) dem mechanistisch-rationalistischen Zeit-Begriff den der innerlichen und eigentlichen Zeit der reinen Bewegung des Fliessens oder der Dauer gegenüber. E. Husserl (Vorlesung zur Phänomenologie des inneren Zeit-Bewusstseins, 1928) unterscheidet von der kosmisch-messbaren Zeit die Zeit des inneren Erlebnisbewusstseins als einheitliche Form aller Erlebnisse im Erlebnisstrom. M. Heidegger (Sein und Zeit, 1928; Zeit und Sein, 1969) versteht die ursprüngl. Zeit, die „früher als jede Subjektivität und Objektivität" ist, als den Horizont alles Seinsverständnisses und - sofern der Mensch sich selbst stets vorweg ist und von der Zukunft her bzw. auf sie hin Gegenwart und Vergangenheit erst eröffnet werden - die Zeitlichkeit als Grundstruktur des menschlichen Daseins. In der modernen Philosophie wurden von hier aus vor allem die Geschichtlichkeit des Verstehens (Hermeneutik z. B. H.-G. Gadamer) und die Endlichkeit der Existenz (Existenzphilosophie) Wesensverfassung des menschlichen Daseins betont.
 


 

 

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