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Yin und yang sind die
Grundbegriffe des gesamten chinesischen Denkens. Als ältester Beleg für die
Worte yin und yang gelten einige Lieder des klassischen „Buches der Lieder"
(Shih-ching). Als locus classicus für die philosophische Verwendung wird
„Das Buch der Wandlung" (I-ching) genannt, wo die beiden Begriffe bereits
als eine Polarität bildende Kräfte/Ursubstanzen („sekundäre
Sammelbegriffe"), aus denen das Universum entstanden ist, verstanden werden.
Im Tso-chuan tauchen die Begriffe yin und yang als ein Polaritätspaar des
Universums erstmals unter dem Jahr 643 v. Chr. auf. Yin und yang
bezeichneten urspr. die beschattete (yin) und die besonnte (yang) Seite
eines Berges. Nachdem aber das Prinzip dieser Polarität erkannt und
reflektiert war, waren die Chinesen imstande, eine zusammenhängende
Kosmologie zu entwickeln. So heisst es in einem späteren taoistischen Werk:
„Das yin und das yang stellen das Tao von Himmel und Erde und das kangchi
(„Ordnung") der unzähligen Dinge dar, sie sind der Vater und die Mutter von
Wandlung und Umformung, der Anfang und das Ende von Leben und Tod und die
Quelle der geheimnisvollen Bewegungen von Licht und Finsternis" (Huang-ti
nei-ching su-wen).
Die Yin-yang-Konzeption wurde von einem Kreis von Denkern (yin-yang chia)
systematisiert, deren Hauptvertreter Tson Yen (350-270 v. Chr.) war. Sie
verfeinerten die bereits vorhandene Theorie der beiden Kräfte yin und yang,
der fünf Elemente (wu-hsing: Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde) und des
Systems der symbolischen Entsprechungen. In diesem System wurde alles in
Fünfergruppen nach der Übereinstimmung mit den fünf Elementen
„klassifiziert". Im Lichte dieser nun philosophisch begründeten Theorie
gehört alles, was in enger Verbindung mit der Erde stand, in den Bereich des
yin und war weiblich. Alles, was in Verbindung mit dem Himmel stand, gehörte
in den Bereich des yang und war männlich, denn Himmel (yang) und Erde (yin),
Sonne (yang) und Mond (yin) gingen aus yin und yang hervor. Yang bedeutet
Beginnendes, Auslösendes, Dynamisches, Ausbreitendes, ist rund, bewegt sich,
ist männlich und befruchtend. Elementare Assoziationen von yin sind dagegen:
Vollendendes, Statisches, Erhaltendes, Einschliessendes, viereckig, ruhig,
weiblich, gebärend. Yin und yang sind an verschiedene Himmelsrichtungen
gebunden und dort lokalisiert. Sie bringen ausserdem die fünf Elemente (wu-hsing),
die Jahreszeiten und die Witterung hervor (vgl. Li-chi VII, Li-chün 4). Die
Natur wirkte also durch die Wechselwirkung (Zusammenspiel) von yin und yang,
hell Und dunkel, Hitze und Kälte, männlich und weiblich.
Infolge der Verknüpfung zwischen Naturereignissen und sozialem Leben im
traditionellen China hatten die Begriffe yin und yang aber auch eine
allgemeinere Bedeutung als Bezeichnungen der komplementären Aspekte sozialer
Gruppen, einschliesslich der Komplementarität der Geschlechter. Der
„Gegensatz" von yin und yang wird aber im chin. Denken nicht als ein
absoluter Gegensatz verstanden, es ist eher ein relativer Gegensatz
„rhythmischer Art", denn die beiden Kräfte sind nur zwei Phasen in der
Wandlung (i). „Yin und yang dürfen weder als rein logische Gegebenheiten
noch einfach als kosmogonische Prinzipien definiert werden. Sie stellen
weder Substanzen noch Kräfte, noch Arten dar. Im Bewusstsein der
Gemeinschaft sind sie unterschiedslos all dieses" (M. Granet). Die beiden
komplementären Begriffe sind für die Religion, die Philosophie und auch für
die Medizin von fundamentaler Bedeutung. Für die Religiosität waren diese
Begriffe insofern relevant, als die unermessliche Vielfalt möglicher
Konfigurationen des yin und yang - und aller abgeleiteten Phänomene (so wie
sie z. B. im I-ching dargestellt wurden) - das eindeutige Festlegen auf
einen festen Satz von rel. Aussagen („Dogma") nahezu unmöglich machte. In
der klass. Formulierung hatten yin und yang auch nichts mit dem Kampf
zwischen Gut und Böse zu tun. Sie waren gleichermassen Wesenskräfte in der
endlosen Dynamik eines unpersönlichen Universums. Sie verkörpern das Prinzip
der permanenten Wandlung (i). Als „universelle Bezeichnungen der polaren
Aspekte von Wirkungen" (M. Porkert) bleiben die Begriffe yin und yang in der
einschlägigen Literatur meistens unübersetzt.
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