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Wunder

1. Angesichts der neuzeitlichen Blickverengung, die die biblischen Wunder vorrangig a) unter naturwissenschaftlicher, b) unter historischer Rücksicht betrachtet, ist die Rückkehr zur biblischen Begriffsvielfalt angemessen.
Dort ergeben sich folgende Grundmomente:

1) subjektiv: Ereignisse, die zum Staunen bzw. Sich-Wundern anregen,

2) objektiv: Ereignisse, die Ausdruck einer besonderen Mächtigkeit sind,

3) Ereignisse, die Zeichen sind, somit einen Verweischarakter an sich tragen,

4) Ereignisse, die in einem rel. Kontext stehen und als Ausdruck von bzw. Hinweis auf Gottes Macht, Heilszuwendung und Liebe angesehen werden.


Unabhängig von der Frage, ob solche Zeichen notwendig die naturwissenschaftlichen Gesetzmässigkeiten aufheben oder nicht, und von der Frage nach der Historizität der einzelnen biblischen Wunder-Erzählungen können Wunder in christlich-theologischer Sicht bestimmt werden als „Zeichen, welche die verheissene Herrschaft Gottes als gegenwärtig wirksame anzeigen und die geschichtlichen Träger dieser Verheissung (Patriarchen, Propheten, Jesus Christus) beglaubigten. Sie haben in dieser Perspektive die Funktion, den Menschen erweckend und verweisend anzurufen auf jene Sinn und Heil suchende Einstellung seines Daseins hin, die sich in allen seinen Zukunftsentwürfen offen oder latent, angenommen oder niedergehalten, ankündigt und geschichtlich zur Anschauung zu bringen sucht. Demnach ist das Wunder keineswegs eine willkürliche Demonstration der Allmacht Gottes; es steht vielmehr in einem universalen verheissungsgeschichtlichen Kontext als bezeugende Antizipation der eschatologischen Heils- und Heilungsmacht Gottes, die in Jesus und seiner Auferstehung als Zukunft der Menschheit endgültig angebrochen ist".

2. Die christlich-apologetische Sinndeutung der W. in der Neuzeit hat verständlicherweise die Religionswissenschaft nach W.n in anderen Religionen fragen lassen. Im Gegensatz zum bibl. W.-Verständnis, in dem das W. wesentlich in der Geschichtlichkeit der Welt seinen sinnlich greifbaren Ort hat, gehören W.-Erzählungen seit den rel. Frühzeiten zu jenen Weisen, in denen das Numinose im Mythos oder auch in sonstwie berichteten Erfahrungen in seiner Mächtigkeit zum Ausdruck gebracht wird. Beim V - such einer Strukturierung der verschie nen W. lassen sich unterscheiden: a)' Mythos berichtete, eher zeitlose b) aktuelle Bestätigungs-W. äusserer die von Propheten und anderen Go erfüllten als Beweis ihrer Sendung u. gewirkt werden, c) innere Ereignisse • Bekehrungen u. ä., die für das Subjekt d Erfahrung zum Erweis der Begegnu mit dem Heiligen werden, aber auch Aussenstehende wenigstens indirekt zu Anlass von Glauben werden könne Nicht mit W.n verwechselt werden sol ten magische (/Magie) Handlungen, d' in traditionellen Religionen, aber auch i manchen neurel. bzw. pararel. Umfe dern anzutreffen sind.

3. Die Grundfrage nach dem Wunder betrifft letztendlich die Frage nach der Erfahrung Gottes oder des Göttlichen bzw. Frage nach der religiösen Erfahrung schlechthin. Solange Gott bzw. Göttliches im Aussergewöhnlichen gesucht wird, steht die Frage nach dem Wunder dann im Mittelpunkt des Interesses. Wo aber Gott „in allen Dingen", gerade auch in den alltäglichsten, gesucht wird, stellt sich die Frage nach Wundern im Sinne einer theologischen Ästhetik insofern neu, als es um die Einübung der Wahrnehmung des Göttlichen in der Alltäglichkeit des Lebens geht und diese dabei als „Anspruch" und „Ansage" Gottes an den Menschen erschlossen werden muss.
 


 

 

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