|
1.Religiöse
Wahrheits-Frage
Auch wenn die religiöse Wahrheits-Frage neuzeitlich vielfach als Frage nach
der Wahrheit der subjektiven, d. h. der dem einzelnen menschlichen Subjekt
inhärenten Religiosität gestellt und behandelt wurde, muss sie angesichts
der Pluralität religiöser Wegangebote, in denen sich die menschliche
Religiosität konkretisiert, als. Frage nach der Richtigkeit bzw. Wahrheit
des einzelnen religiösen Weges fortgeführt werden. Diese Frage ist um so
dringlicher, als sich mit ihr die Frage nach dem Heil verbindet. Wenn man
einerseits die Heils-frage ihrerseits nicht total auf den einzelnen hin
relativieren und damit letztlich inkommunikabel machen und andererseits dem
universalen Anspruch der Weltreligionen gerecht werden will, kann man der
Wahrheits-Frage nicht ausweichen. Der Ort der Fragestellung ist einmal
bedingt durch die allg. Frage nach Wesen und Methode der Wahrheit, wie sie
heute vor allem in der Philosophie verhandelt wird, sodann aber durch das
Verständnis von Wahrheit, das in den einzelnen Religionen vorherrscht. Für
den Umgang mit der religiösen Wahrheits-Frage ergeben sich folgende
Gesichtspunkte:
a) Es darf nicht ein bestimmter Wahrheits-Begriff unterstellt werden; der
Wahrheits-Begriff muss vielmehr aus den Religionen und ihrem Kontext erhoben
werden.
b) Bei der Frage nach einem konkreten religiösen Wahrheits-Verständnis geht
es darum, den Wahrheits-Bezug aus der Grundinspiration einer bestimmten
Religion, deren Wirklichkeitsverständnis und deren damit gegebener Antwort
auf die Sinnfrage des Menschen zu erschliessen.
c) Bei der religiösen Wahrheits-Frage geht es folglich nicht allein um
sprachlich-satzhafte Wahrheiten, sondern zunächst und vor allem um die in
der menschlichen Existenz und deren umfassendem Wirklichkeitsbezug erfahrene
und verwirklichte Wahrheit (vgl. im bibl. Kontext das Miteinander von
„Wahrheit sagen" und „Wahrheit tun" und daran anschliessend die Rede von
„Orthodoxie" und „Orthopraxie".
d) Die abendländischen Grundworte für Wahrheit - hebr. «maet =
Beständigkeit, Treue, griech. aletheia Unverborgenheit - sind in ihrer
Wirkungsgeschichte wie in der Verschiedenartigkeit ihres Ansatzes ein
wichtiger Hinweis für den interreligiösen Dialog, nicht einen bestimmten
Teilaspekt zur Norm des Religionsdialogs zu machen.
2. Beispiele religiösen Wahrheits-Verständnisses
Für einen ersten Zugang zur konkreten religiösen Wahrheit genügt es,
beispielhaft das Wahrheits-Verständnis in den Religionen anzusprechen, die
das II. Vatikanum in NA ausgewählt hat.
Judentum: Für das Judentum macht die treue Erfüllung der
Gott-Mensch-Beziehung die Wahrheit aus. Das Wahrheits-Verständnis ist im
Umfeld von 'aman = fest, sicher sein, sich als zuverlässig erweisen, treu
sein, angesiedelt und wird von Gott und Mensch, vom Grundverhältnis zwischen
Menschen, Menschen und Gott, aber auch Gott und Menschen ausgesagt. Nicht
selten wird 'ince mit den Ganzheitsbegriffen shalom = Friede und tamim =
Einfachheit sowie den Rechtsbegriffen bcesced = Gnade und scedceq bzw.
s'claqah = Recht verbunden, so dass Wahrheit auch stets besagt, dem Menschen
Recht, Gerechtigkeit, Heil widerfahren zu lassen.
Christentum: In der Bibel kommt es zumal in den griechischen Teilen bereits
zur Begegnung von jüdischem. und griechischem Wahrheits-Begriff, die in der
weiteren Geschichte des Christentums wirksam geblieben ist. Wahrheit ist
neutestamentlich das, was Bestand hat und gilt, das, worauf man sich
verlassen kann, zumal Gottes Treue und Zuverlässigkeit, aber - im eher
griechischen Sinne - auch der wirkliche Tatbestand, die Wahrheit der
Aussage, die wahre Lehre, der rechte Glaube. Einen unübertroffenen Höhepunkt
stellt in Joh 14,6 die Identifizierung der Wahrheit mit der Person Jesu dar,
der sich selbst als Weg zu der Wirklichkeit aussagt, die er in Wahrheit ist:
Gottes Treue in Person, auf die Menschen bauen und setzen können. Für das
christliche Verständnis von Wahrheit ist dieser Ansatz eine bleibende
Verpflichtung.
Islam: Der islamische Wahrheits-Begriff leitet sich einmal vom arab. hick =
dauernde Bestimmung her. Als Gottesbezeichnung al-ffalcic nennt der Titel
Gott den schlechthin Wirklichen und als solchen den Wahren, die Wahrheit.
Nur von ihm her ist Wirklichkeit auch von der Schöpfung aussagbar. Ähnlich
wie im Hebräischen wird die Wahrheit aber menschlich auch ausgesagt im
Umfeld rechten Verhaltens. Dabei reicht die Wahrheit dann von der wahren
Aussage über den Bereich des Rechts und der Gerechtigkeit bis zur
gesetzmässig und freiwillig geübten Barmherzigkeit.
Hinduismus: Hinduistisch verwirklicht sich die Wahrheit ebenfalls auf den
Wege die zum Heil führen. Wahr ist letztendlich, was wirklich ist. Das
schliesst nicht aus, dass es auf dem Weg zur vollen Einsicht und
Übereinstimmung mit der wahren Wirklichkeit „Vorstufen" bzw. „Vor
verständnisse" der Wahrheit gibt, die am Ende sich als Un-wahrheit entlarven
lassen. In der bekannten triadischen Formel sacci, ananda besagt sat bzw.
satya Sein und Wahrheit zugleich. Wahrheits-Suche ist aber hinduistisch wie
auch buddhistisch stets im Sinne von Heilssuche zu verstehen. Was als
Erkenntnisprozess ausgesagt wird, zielt stets auf Seinsverwirklichung ab.
Buddhismus: Strukturell ist die Wahrheits Frage im Buddhismus in vieler
Hinsich dem Hinduismus vergleichbar, auch wenn es im Inhalt der Lehre
nachträglich beträchtliche Unterschiede gibt. Fragt man von der
sino-japanischen Wahrheits-Terminologie zurück, so gruppieren sich die
verschiedenen Begriffe um das japanische gel - sene shin, makoto = aufrecht,
zuverlässig, wahrhaftig, wahr: shinjitsu = Wahrheit Realität, Tatsache;
shinri = Wahrheit, wahre Prinzip (wobei ri sowohl eine bis nach Indien
zurückreichende Tradition einbindet, die wie für ratio steht); shinnyo =
absolute Wahrheit, ewige Wahrheit, wahre Gestalt. Vom indischen Ursprung her
begegnen sich hier saty und tathata = wahres Wesen, Sein, wie es ist, als
solches das wahre, nicht mehr sagbare Prinzip aller Dinge.
3. Wahrheit und Heil
Übereinstimmen spricht in den verschiedenen religiösen Traditionen Wahrheit
vom Heil. Bei allen inhaltlich nicht zu versöhnenden Lehraussagen der
verschiedenen Religionen ist jedoch dann stets darauf zu achten, dass die
religiöse Wahrheits-Frage auf der Ebene theoretischer Auseinandersetzung
letztlich nicht zu lösen ist. Auch wenn es sinnvolle theoretische Vergleiche
und Dispute zwische den Religionen gibt, so entscheidet sich die
Wahrheits-Frage religiös in praktisch „Kon-kurrenz", d. h. im Wettlauf auf
das als Heil bezeichnete Ziel hin. Die „Kon-kurrenz" aber ist heute nicht zu
leisten, ohne dass die Religionen sich angesichts der in der Welt virulenten
Menschheitsfragen bewähren (Überleben, Gerechtigkeit, Friede u. a.).
|