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1. Ursprünglich wurden
die Upanisaden (Heilige Schrift[en]) genannt. Das Wort bedeutet wörtlich
„Ende des Veda", zeitlich, insofern als die Upanisaden nach den vier Veden,
den Brahmanas und Aranyakas am Ende der vedischen Zeit entstanden sind,
qualitativ, insofern sie für den Höhepunkt, die Zusammenfassung und die
Vollendung der vedischen Lehre gehalten werden: „Die der Vedanta-Lehre Sinn
ergriffen ..., werden völlig unsterblich und erlöset alle" (Mundaka Up. 3,2,
6). „Vor Zeiten ward im Vedanta höchstes Geheimnis ausgebracht; keinem gebt
es, der nicht ruhig der nicht Sohn oder auch Schüler ist" (Svetaivatara Up.
6, 22; vgl. Muktika Up. 1,9). Die spätere Tradition hat aber drei Texte zur
Grundlage gemacht, die der dreifache Kanon des Vedanta (Skt. prasthanatraya)
genannt werden: die Upanisaden, die Brahmasutren und die Bhagavadgita.
Die genaue Zahl der Upanisaden wird diskutiert. Da sie zu unterschiedlichen
Zeiten entstanden sind, geben sie nicht die Gedanken eines einzelnen
Philosophen oder einer einzelnen Philosophenschule wieder, sondern vertreten
unterschiedliche gedankliche Richtungen und gelegentlich gar sich
widersprechende Ansichten. Dennoch enthalten zumindest die frühen Upanisaden
eine Reihe von grundlegenden Lehren, die Badarayana (3.-2. Jh. v. Chr.) in
den Brahmasutren oder auch Vedanta-Sutren genannten Brahma Aphorismen zu
systematisieren suchte. Doch diese Sutren sind knapp in ihrer Form und recht
hintergründig, so dass sie ohne Interpretationen und Kommentare kaum zu
verstehen sind. Entsprechend haben verschiedene Lehrer (Skt. Acaryas) in
ihren Kommentaren unterschiedliche Gedankensysteme entwickelt, die entweder
auf verschiedenen upanisadischen Texten oder auf unterschiedlichen
Interpretationen derselben Texte beruhen. All diese philosophischen Systeme
werden ebenfalls Vedanta genannt.
2. Zu den wichtigsten Lehren der Upanisaden gehört die Befassung mit Brahman
und Atman, die die letzte Wirklichkeit bezeichnen. Brahman ist das letzte
Prinzip des Universums als Ganzen, während atman das innerste Sein eines
jeden Seienden ist. Beide Begriffe werden in den Upanisaden oft
identifiziert: „Ich bin Brahman" (Brh. Up. 1, 4, 10). „Das bist du" (Chand.
Up. 6,8,7; 6, 11,3 ; 6,16, 3). „Diese Seele (Skt. atman) ist Brahman" (Brh.
Up. 2,5,19; vgl. Mandukya Up. 2). Die Natur des brahman ist satyam
(Wahrheit, Wirklichkeit), jiianam (Erkenntnis, Bewusstsein) und anantam
(Unendliches) oder ananda (Seligkeit). Brahman ist in der Annahme von Namen
und Formen (Skt. nama-rupa) diese Welt.
Hier stellt sich dann die Frage nach der Beziehung zwischen den
individuellen Seelen (Skt. jivatman) und paramatman bzw. brahman, nach der
Beziehung der Welt der Vielfältigkeit zum einen letzten Sein. In den
Upanisaden gibt es Stellen, die diese Welt für eine reine Erscheinung
erklären (vgl. Iga Up. 2,15; AvetaSvatara Up. 1,10; Brh. Up. 2,4,14;
4,3,31), aber auch solche, die dieser Welt eine eigene, von brahman
unterschiedene Wirklichkeit zusprechen (vgl. Chand. Up. 3,14, 1; Taittiriya
Up. 3,1,1; Brh. Up. 3,8,9). Beim Versuch der Lösung dieser in den Upanisaden
und den Brahmasutren ungelösten Probleme kam es zur Ausbildung der
verschiedenen Vedanta-Systeme.
a) Advaita-Vedanta:
Der wichtigste Autor einer non-dualistischen (Non-Dualismus) Lösung der
Grundfrage des Vedanta ist Bankara (788-820), der seinerseits weniger von
Badarayana als von Gaudapada (5.-6. Jh.) abhängig war. Von ihm stammen
Kommentare zu mindestens neun Upanisaden, zu den Brahmasutren, zur
Bhagavadgita sowie andere Werke. Bankaras Philosophie richtet sich auf das
Ziel der Befreiung (Skt. moksa). Ausgangspunkt seines Denkens ist hruti
(Offenbarung), nicht das logische Denken, das er nur in der Interpretation
der Upanisaden und bei der Widerlegung anderer Denksysteme zu Hilfe nimmt.
Das gesamte System des Advaita-Vedanta beruht darauf, dass brahman die
einzige Wirklichkeit, die Welt illusorisch, die Einzelseele folglich brahman
selbst und nicht von diesem verschieden ist (vgl. Brahma Sutra Bhasya 1, 1,
5 ; 1, 2, 6 ; 1, 2, 20 ; Kena Bhasya 1,3; 3 Einleitung; Mundaka Bhasya
2,2,11; 3,1,1; Brh. Bhasya 6,4,6). Dualität tritt dort auf, wo avidya, die
Unwissenheit, herrscht. Die wahre Erkenntnis, die diese Unwissenheit
entfernt, führt zur advaita-Erfahrung und damit zur Befreiung. Bankaras
wichtigster Beitrag besteht in der Entwicklung eines brahman-Begriffs ohne
alle Qualitäten (Skt. nirguria) d. h. eines brahman, dem der Verstand kein
Attribut zuschreiben kann. Daher sind auch sat (reines Sein), cit (reines
Bewusstsein) und ananda (reines Glück) keine das brahman qualifizierenden
Attribute; sie konstituieren vielmehr das Wesen des brahman. Sein
weltschaffender Aspekt ist sarguoa brahman; er konstituiert aber keine
Dualität, da die wahre Wirklichkeit nirguta brahman allein ist und avidya
und maya in gewissem -Sinne nur zwei Seiten desselben sind.
c) Visistadvaita: Eine qualifizierte Form des Advaita-Vedanta vertrat
Ramanuja (1017-1137), auf den ein Kommentar der Brahmasutren Art Bhasya, ein
Kommentar der Gita und die Schriften V. Sara, V. Dipa und Vedarthasamgraha
zurückgehen. Ramanuja ging es um eine Verbindung von personalem Theismus und
der Advaita-Philosophie. Dem Vishnuismus sicherte er die Sanktion der
Upanisaden. Ramanuja erkennt drei Realitäten (Skt. tattvatraya) an: isvara
(Gott), acit (Materie) und cit (Geist), wobei die beiden letzten völlig von
Gott abhängige Realitäten sind.
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