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Utopie und Wirklichkeit

1. Utopie (griech. ou topos = Nicht-Ort) bezeichnet als positiver Begriff die Idee eines künftigen Zustandes menschlicher Gesellschaft in denkbarer Vollkommenheit. Der Begriff wurde erstmals von Thomas Morus in „De optimo reipublicae statu, deque nova insula Utopia" (1516) verwendet, reicht aber sachlich in die jüdisch-christliche und griechische Welt zurück. Grundlage der Unbilden ist das Ungenügen an der Wirklichkeit und deren konkret-mögliche Verbesserung für die innerweltliche Zukunft. Dabei fallen der Wille zur Erneuerung, die autonome Bestimmung und die gesellschaftlich-kritische Orientierung ins Gewicht.

2. Die historischen Utopien der Renaissance, der Aufklärung und des Frühsozialismus sind eine Kritik an der Wirklichkeit und entfalten eine neue Ordnung in religiöser, sozialer und ökonomischer Perspektive. Schon bei Th. Morus finden wir die Religionsfreiheit, die Verkürzung der Arbeitszeit: zum Zweck der Freizeit als Freiheit für geistige Bedürfnisse, Bildung für alle, die Abschaffung des Privateigentums.
Doch gerät der Wille zur Ordnung des Ganzen leicht zum Totalitarismus. So wird in Campanellas „Civitas Solis" (1623) z. B. die Selbstbestimmung des Individuums durch staatliche Gattenwahl nicht nur unterdrückt, sondern diese auch durch rassische Gesichtspunkte gelenkt.
Die Annahme einer guten Natur des Menschen und einer einsichtigen Vernunft als regulierende Kraft lassen diese Utopien als abstrakte Denkgebilde erscheinen, deren statischer Charakter erkenntlich ist. Es zeigt sich eine Tendenz zum organisierten Glück.

3. Im Gegensatz zur abstrakten Utopie will der Marxismus eine geschichts-dynamische Theorie entwickeln, derzufolge nur die Aufhebung der Selbstentfremdung des Menschen, die aus seiner Entfremdung in Staat, Religion und Ökonomie resultiert, zu einer neuen Gesellschaftsordnung führen kann. Das Prinzip dieser Entwicklung ist der Klassenkampf, der zur ökonomischen Emanzipation (Abschaffung des Privateigentums) führt, welcher die soziale (klassenlose Gesellschaft; Reich der Freiheit) und die politische (Aufhebung des Staates als Instrument der Ausbeutung) folgen. Die Verbindung von Utopie und Ideologie wird hier besonders deutlich, wenngleich auch die historischen Utopien davon nicht frei sind.

4. Utopisches Denken kennzeichnet auch das Werk von E. Bloch, das aus marxistischen wie religiösen Wurzeln schöpft und auch als Reaktion auf Untergangsprognosen (vgl. A. Huxley, G. Orwell) verstanden sein will. Für Bloch haben Mensch und Natur Utopie. Darin meldet sich das Zielproblem des Prozesses mit noch unentschiedenem Ausgang an, mit möglicher Genesis am Ende, einer Welt als Heimat, in der Mensch und Natur vermittelt sind.
„Konkrete Utopie" transzendiert alles Vorhandene und intendiert ein inhaltlich Unbestimmbares. Dieses Utopische, d. h. das alles Bisherige Transzendierende, das früher „Gott" genannt wurde, bezeichnet nun Reich Gottes und Reich der Freiheit, das endlich Wirklichkeit wird.
Utopie, als wesentlich zum Menschsein gehörend, muss als anthropologischer Topos gelten. Darin werden Kritik an der gegenwärtigen Wirklichkeit sowie Wissen und Wille für eine bessere geschichtliche Zukunft vereint. Utopie bedeutet Wahrnehmung und Wahr-machung des Menschlichen. Die Nähe zur Eschatologie liegt im Ungenügen an der Gegenwart, im Blick auf das Seinsollende und im Drang zu dessen Verwirklichung. Doch besteht die Differenz in der Verschiedenheit von Selbstverwirklichung des Menschen aus nur eigenen Kräften und jener unter der Mitwirkung Gottes an der Zukunft, die als vollendete nur seine Tat sein kann. Die Säkularisierung als Immanentisierung der Reich-Gottes-Vorstellung muss von ihrem biblischen Ursprung her als deren Verkürzung beurteilt werden; doch macht dieses Phänomen zugleich auf die unlösbare Verbindung von Gottesreich und menschlicher Geschichte als Ort seiner Verwirklichung aufmerksam.
Wirklichkeitwerden des Gottesreiches als dessen Immanentisierung ins Säkulum muss aus dessen eigener Potenz als Not-Wendigkeit gefordert werden. Doch gibt es auch in der „säkularisierten Hoffnung" ein Weiterbestehen von „Eschatologie" innerhalb der Utopie, weil der Geist der Utopie als verborgene Anwesenheit Gottes verstanden werden könnte, welcher das J. als Kraft im Diesseits für den Menschen und seine Welt bekundet.
 


 

 

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