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Die Bezeichnung Unterwelt
spiegelt die Auffassung des dreigeteilten antiken Weltbildes wider, das sich
in Himmel, Erde und Unterwelt gliederte. Im Zusammenhang mit den Formen der
Erdbestattung mag sich dann die Vorstellung einer Unterwelt als Aufenthalt
der Toten, als Ort des Jenseits, der von den Lebenden getrennt ist,
entwickelt haben. Diese Lokalisierung musste sich mit einem veränderten
Weltbild, das die Astronomie des Hellenismus entdeckte, ändern. Das jetzt
kugelförmig vorgestellte Universum, in dem die Erde von sieben
Fixsternsphären umschlossen wurde, liess für eine „Unterwelt" keinen Raum
mehr, so dass der Aufenthalt der Toten in der äussersten Sphäre angenommen
wurde. Diese Entwicklung macht deutlich, dass, wenn Unterwelt nicht in einer
räumlichen, sondern funktionalen Bedeutung verstanden wird, die Verwendung
von „Jenseits" als Aufenthalt Verstorbener dies klarer zum Ausdruck bringt.
In Analogie zum diesseitigen Leben erscheint oft ein Reich der Toten, in dem
ein Toten- oder Unterwelts-Gott herrscht und für Ordnung sorgt. Das
Totenreich ist meist von Wasser, oft von einem Totenfluss umflossen, einem
Grenz-Symbol, da Wasser sowohl Leben als auch Tod bewirken kann. Der Tote
gelangt mit Hilfe eines Fährmanns über den Fluss oder überwindet ihn, indem
seine Seele in Gestalt eines Vogels darüberfliegt. Häufig wird das Jenseits
auch über eine Brücke erreicht. Eine Rückkehr aus dem Totenreich ist für den
Sterblichen nicht möglich, dafür sorgen auch die mehrköpfigen Hunde der
Totenwelt. Das „Leben" der Toten wird zumeist als traurig, düster und
schattenartiges Dasein beschrieben, womit den Verstorbenen eine, wenn auch
negative, Existenzform zugedacht wurde. War die Unterwelt lange Zeit der
Ort, an dem alle Toten ohne Unterschied auf ihre vorherige Lebensführung
untergebracht waren, so entwickelte sich unter dem Einfluss ethischer
Tendenzen in den Religionen die Vorstellung einer ausgleichenden
Gerechtigkeit, die zur Scheidung der guten von den bösen Toten führte. Diese
Trennung wurde durch ein Totengericht vorgenommen, dem ein Toten- bzw.
Unterwelts-Gott in Funktion des Richters vorstand. Dabei wurden die Taten
des Toten bewertet und entweder bestraft oder belohnt. Das altnordische Hel
bezeichnete das unterirdische Totenreich aller Toten, bis die guten Toten in
Walhalla ihren Aufenthalt fanden und Hel als Strafort der Bösen zur Hölle
wurde. Höllenfahrten von Göttern und wenigen Heroen erscheinen in
verschiedenen Religionen mit unterschiedlichem Ausgang. Götter sterben (Inanna/Ischtar)
oder reissen die Macht der Unterwelt an sich (Nergal), Heroen müssen dort
bleiben oder unverrichteterdinge wieder abziehen, weil sie ein Gesetz der
Unterwelt verletzten (Enkidu, Orpheus). Die Höllenstrafen erscheinen sowohl
zeitlich begrenzt als auch von unendlicher Dauer und können in einer
Vielzahl von Höllen vollzogen werden. Eschatologische Erwartungen gehen
davon aus, dass der Aufenthalt nur ein vorläufiger ist, über den am Tage des
Jüngsten Gerichtes endgültig entschieden wird, oder das selbst die Hölle zu
einem Ort der Reinheit werden kann. Es gibt aber auch Vorstellungen von
einem Zwischenreich bzw. -zustand, der auf den Tod folgt und dem endgültigen
Jenseits-zustand vorausgeht.
Die gebotene phänomenologische Gesamtschau soll nun durch einige
exemplarische Jenseitsvorstellungen historischer Religionen dargestellt
werden.
1.Altes Zweistromland
In der Kosmologie des alten Zweistromlandes gliederten sich Himmel und Erde
in je drei Sphären. Die unterste Erdsphäre war die Unterwelt, die aus sieben
Stockwerken mit sieben Mauern und Toren bestand. Ursp beherrschte die Göttin
Ereschkigal dieses Reich allein, bis sie von dem Gott New, der die sengende
Mittagssonne verkörperte, besiegt wurde und mit ihm zusammen als ihrem
Gemahl die Herrschaft ausübte. Die Seele des Verstorbenen begab sich nach
Westen in Richtung Sonnenuntergang, wo der Eingang zur Unterwelt war. Mit
Hilfe des Fährmanns Humut-ta bal („Nimm schnell weg") setzte sie übe den
Unterwelts-Fluss tlubur. Durch die siebe Tore der Unterwelt ziehend, legte
die Seele da nach und nach ihre Kleidung ab, bis sie nackt vor Ereschkigal
stand. Ein Totengericht ist nicht bekannt und die Weite existenz trostlos.
Es gibt kein ewiges Leben und keine Auferstehung der Toten, nur ein
zeitweiliges Entkommen als Totengeist in die irdische Welt ist möglich.
2. Für das alte Ägypten war der Tod ein zentrales Thema. Die Unterwelt war
ein Reich des Chaos, das vor der Schöpfung der Welt bestanden hatte, und
hier hauste die Apophis-Schlange, der Urfeind aller Ordnung. Doch diese
gefährliche Region war der einzige Ort, der zu einer Neugeburt fähig war,
wie man an dem tägliche Lauf der Sonne erlebte, die nachts durch die
Unterwelt auf ihrer Barke fuhr und am Morgen verjüngt wieder auftauchte. Der
Sonnengott und seine Tochter Maat, Ordnung der Welt, zeigten, dass nur auf
den Tod Verjüngung kommen konnte. In zwölf Stunden durchfuhr der Sonnengott
die zwölf Tore der Unterwelt und versorgte und richtete die Toten. Nur die
bei diesem Gericht Verdammten waren tot, die anderen lebten in einer anderen
Existenzform weiter. Später wird Osiris zum Totengott und Richter, vor ihm
musste der Tote ein negatives Sündenbekenntnis ablegen, wobei sein Herz
gegen eine Feder, dem Symbol der Wahrheit, aufgewogen wurde. Osiris wurde
als gestorbener tu wiederauferstandener Gott zu einem all Vorbild.
3. In der persischen Religion, Zarathustra als Prophet des Ahura Mazdah
verkündete, liegt ein Dualism zwischen einem Reich des guten Gott Ahura
Mazdah und dem des bösen Ahriman vor. Der Gläubige ist aufgerufen, die
Partei des Guten zu ergreifen und beständig gegen das Böse zu kämpfen. Der
Anhänger des Bösen ist Gast im „Haus der Lüge", wo ihn langes Schmachten in
Finsternis, Sudelfrass und Jammergeschrei erwartet. Hier dürfte ein Bild der
Unterwelt, die dem Reich des Ahriman entspricht, vorliegen. Die Seele des
Gerechten wird jedoch unbeschadet über die breite Cinvat Brücke in den
Himmel, das Paradies, das „Haus des Sanges", gelangen, während die Seele des
Frevlers von der Brücke, die für sie schmal, wie die Schneide eines
Schwertes ist, in die Tiefe des Reiches der Finsternis stürzt. Neben dieser
Vorstellung existiert der Glaube an eine endzeitliche Auferstehung aller
Toten, die mit einer Welterneuerung verbunden ist. Selbst die Hölle wird
durch ein riesiges Feuerordal aus geschmolzenem Metall, das dem Gerechten
wie lauwarme Milch erscheint, zu einem gereinigten Ort. Da die Auferstehung,
die in Entsprechung zur Schöpfung erfolgt, zunächst den Urmenschen Gayomart,
dann das erste Menschenpaar usw. und die Menschenseelen mit ihren Leibern
wieder vereinigt, spielt die leibliche Hülle bei der Bestattung, im
Gegensatz zu ägyptischen Vorstellungen, keine Rolle. Deshalb kann der Leib
auch auf den Türmen des Schweigens den Vögeln zum Frass gegeben werden. Eine
Unterwelt ist somit nur von vorübergehender Dauer, bis in der Endzeit die
Apokatastasis alle Gegensätze in Glückseligkeit auflöst.
4. In der antiken griechischen Religion fiel den drei Kronossöhnen Zeus,
Poseidon und Hades jeweils die Herrschaft über einen Teil der Welt zu, wobei
Hades die Unterwelt erhielt. Sein Name, der auch zu der Bezeichnung für das
Reich der Toten wurde, wird auf die Bedeutung „unsichtbar", „unsichtbar
machend" zurückgeführt. Das Reich, das unter der Erde liegt und die Toten
aufnimmt, wird von dem Totenfluss Styx begrenzt, dessen Wasser für Menschen
und Tiere tödlich sein sollte. Aus diesem Reich lässt der mehrköpfige
Wachhund Kerberos niemanden entkommen. Die Toten führen als Schatten ein
trostloses Dasein unter der Herrschaft des finsteren Gottes. Mythische
Vorstellungen von einem seligen Ort für die Lieblinge der Götter sahen deren
Aufenthalt an den Grenzen der Erde auf den Inseln der Seligen, haben aber
wohl kaum grössere glaubensmässige Grundlagen besessen. Mit dem Eindringen
der Gerichtsidee, die Hades zum Richter über die Taten der Verstorbenen
machte und dem neuen kugelförmig gedachten Weltbild, das den Seelen der
Verstorbenen ihren Platz in der äussersten Fixsternsphäre, also nahe den
Bereichen der lichten Götter, zuwies, trat eine Differenzierung in bezug auf
die Taten der Toten ein. Griechisch-hellenistische Mysterienfrömmigkeit war
auch von dem Ziel geleitet, durch engen Anschluss an Tod und Wiedergeburt
der Rettergottheiten zu einem seligen Leben im Jenseits zu gelangen.
Orphische Jenseitsschilderungen ergehen sich in der Ausmalung der Seligkeit
als Trinkgelage und der Schrecken der Hölle.
5. Im Buddhismus hatte Buddha die Fragen nach einem Sein nach dem Tode immer
hinter das Wissen von den Vier Edlen Wahrheiten zurückgestellt. Ziel war das
Nirvaua, das Verwehen des Leides, als eine positive Grösse, die Buddha schon
zu Lebzeiten erreichte und schliesslich nach seinem Tod und der Trennung von
seinem Körper ins Parinirvana einging. Eine späte Sonderentwicklung seiner
Lehre stellt das Tantrayana dar. Es beruft sich auf Tantras Buddha-Texte,
die die Erleuchtung durch Bilder und symbolische Handlungen auf einem
schnelleren, aber dafür gefährlichen Weg erreichen wollen. Zu diesen
Schriften gehört das „Tibetische Totenbuch”.
6. Im Judentum ist die Scheol die Unterwelt, die teils im Inneren der Erde,
mitunter auch unter einem Urmeer, lokalisiert wird und als Tiefe, Tore,
Kraft, Gewalt in der sich alle Toten befinden, als unersättliches Ungeheuer
mit grossem Rachen, als Land, Stadt oder mit Toren versehener Palast, der
von Ungeheuern bewacht ist, vorgestellt wird. In der Scheol herrscht
Finsternis, in ihr hört jede Tätigkeit auf; deshalb können die Toten hier
Gott nicht preisen, obwohl er Herr über Leben und Tod ist.
7. Das Christentum kommt aufbauend auf jüdischen, persischen und
griechischen Vorstellungen zu einer spezifischen Ausdeutung der Unterwelt.
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